Lübecks erste Tiny-House-Siedlung entsteht in Siems
18 Mini-Wohnhäuser auf ehemaligem Reichsautobahn-Gelände – Mieter ziehen ab Februar ein – Grüne Oase statt Beton.

Investor André Boeck (47) hat das gesamte Areal in der Straße Am Teichberg neu geplant. Die Tiny Houses stehen noch nicht an ihrem endgültigen Platz.Foto: Lutz Roeßler
Lübeck. Einst verlief an dieser Stelle die Reichsautobahn. Deren Beton versiegelte noch bis vor Kurzem einen Teil der Fläche in Lübeck-Siems, auf der jetzt eine besondere Wohnsiedlung entsteht. Ab kommendem Jahr sollen dort Menschen in Tiny Houses leben – in einer frisch geschaffenen grünen Umgebung.

Vor sechs Jahren begann An-dré Boeck, sein Wunschprojekt zu verwirklichen. Seitdem verwandelt der 47-Jährige das Areal an der Straße Am Teichberg Schritt für Schritt. 18 Mini-Wohnhäuser sollen an Ende dort stehen. Die ersten fünf der Tiny Houses sind jetzt angekommen.

Doch das ist nicht alles. Zur Straße Am Teichberg hin hat André Boeck bereits eine Gewerbeimmobilie zu einem Wohnhaus umgebaut. Auf dem Gelände entstehen zudem großzügige Grünflächen. Ein Bolzplatz und ein Spielplatz sind bereits angelegt. Auch Menschen aus der Nachbarschaft dürfen sich künftig dort aufhalten.

In der Tiny-House-Siedlung sollen im Februar die ersten Mieter einziehen. Die Nachfrage sei riesig, sagt der 47-Jährige. Mehrere Hundert Interessenten hätten sich gemeldet. Für fünf der kleinen Häuser, die zuletzt aufgestellt werden, hat er noch keine Mietverträge abgeschlossen. „Die Menschen reizt, in den eigenen vier Wänden zu wohnen und einen eigenen Garten zu haben“, sagt André Boeck. „Dafür verzichten sie auch auf Wohnfläche.“ Vom Azubi bis zum Rentner sei alles dabei.

Die Gebäude erinnern an dänische Ferienhäuser. Viel Holz, innen eine gemütliche Atmosphäre. Kein Wunder, denn die Tiny Houses entsprechen in ihrer Bauweise den Häusern, wie sie überall in Skandinavien zu finden sind: innen ein Stahlskelett, außen Holz. Gefertigt wurden sie in Lettland im Auftrag der Moduhausbau GmbH, erzählt Geschäftsführer Michael Böttger, der bei der Anlieferung in Siems dabei war. Ihre Lebensdauer? „Eigentlich dürftest Du die nicht kaputtkriegen“, sagt er.

Die Tiny Houses sind klein genug, um auf einen Lkw zu passen. Deswegen wurden sie am Stück angeliefert. Über den Skandinavienkai kamen sie nach Siems und wurden dann mit einem großen Kran an ihren vorläufigen Platz gehoben. Vorläufig deshalb, weil die Arbeiten für die Fundamente am endgültigen Standort, der sich ein paar Meter entfernt befindet, noch laufen. Im Januar sollen die letzten der 18 Häuser in Lübeck angekommen sein.

Die elf kleineren Häuser verfügen über 21 Quadratmeter Wohnfläche, die größeren über 28. Im Haus befindet sich bereits eine Küche. Eine 15 Quadratmeter große Terrasse und ein Garten (zwischen 50 und 200 Quadratmeter groß) gehören ebenfalls jeweils dazu. Die Miete kostet knapp 20 Euro pro Quadratmeter. Beide Haustypen, die den energieeffizienten KfW-40-Standard haben, verfügen über Solarmodule. Damit auch das Drumherum stimmt, betreibt André Boeck großen Aufwand. 5000 Quadratmeter ehemalige Verkehrsfläche wurden neu gestaltet, 2000 Quadratmeter ehemalige Reichsautobahn zurückgebaut. Der Eigentümer ließ nach eigener Auskunft 800 Gräser und Stauden pflanzen, dazu 65 Obst-, Nadel- und Laubbäume. Eine grüne Lärmschutzwand schirmt das Areal von der nahen Autobahn 226 ab.

„Aus den alten versiegelten Flächen soll ein grünes Quartier mit Aufenthaltsmöglichkeiten, Spielbereichen und Lebensraum für Tiere entstehen“, sagt er. Der Lübecker Klimafonds unterstützt ihn bei der Entwicklung der Grünflächen mit 52.000 Euro. Sogar eine alte Brücke, die über die Straße Zum Herrenmoor führte, wurde 2022 für das Projekt abgerissen. Zuvor war die Zufahrt ein Nadelöhr für größere Fahrzeuge gewesen.

Der Um- und Ausbau des Gewerbegebäudes hat sechs Millionen Euro gekostet. Der Investor musste für die Energieversorgung eine eigene Trafostation im Wert von 300.000 Euro anschaffen. 33 Wohneinheiten sind entstanden. Sie sind bereits bezogen. Die Hansestadt Lübeck hat das Haus gemietet und dort geflüchtete Familien untergebracht. „Das läuft alles sehr ruhig“, sagt André Boeck. Mit einer eigenen Meldeadresse und einer stabilen Wohnsituation soll den Bewohnern geholfen werden, sich zu integrieren und Arbeit zu finden.

Das Gesamtprojekt verschlingt fast zehn Millionen Euro. André Boeck ist kein Bauunternehmer. Warum hat er sich als Privatperson eine solch umfangreiche Aufgabe vorgenommen? Es sei ein Wunschprojekt, sagt er. „Ich bin ein lebensfroher Mensch, der gerne etwas bewegt, Neues ausprobiert und auch etwas zurückgeben möchte.“ Er habe den Wunsch, einen Ort zu schaffen, der zeige, wie buntes, vielfältiges und respektvolles Zusammenleben aussehen kann. Weiterführende Informationen zum Projekt in Siems gibt es im Internet unter www.teichberg-freiraum.de.

Ein weiteres Tiny-House-Projekt in Lübeck hängt in der Warteschleife. Am Hansering (St. Lorenz Süd) sollte eine kleine Siedlung entstehen – unter Federführung der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave”. 2023 war die Idee vorgestellt worden.

„Inzwischen haben sich unsere Investitionsschwerpunkte allerdings verschoben“, sagt „Trave”-Sprecherin Melanie Loebe. Eine der wichtigsten Aufgaben derzeit sei die energetische Modernisierung des Wohnungsbestands. „Hier investieren wir erhebliche Mittel.“ Gleichzeitig schaffe die Gesellschaft neuen Wohnraum, unter anderem an der Schönböckener Straße oder an der Elbingstraße. „Vor diesem Hintergrund haben wir das Tiny-House-Projekt zunächst zurückgestellt. Die Idee bleibt für uns aber grundsätzlich interessant.“ und HVS





Druckansicht