Statt in einer gemütlichen WG wohnt Annika Requadt aus der Nähe von Hannover derzeit in der Jugendherberge vor dem Burgtor. Immerhin, sagt sie, habe sie eine Bleibe gefunden. „Ich habe mich auf diverse Wohnungsanzeigen gemeldet, aber entweder keine Antwort oder eine Absage erhalten“, berichtet die junge Frau.
Gerettet hat sie der sogenannte Studi-Deal der Jugendherbergen, der Studierenden möblierte Zimmer inklusive WLAN und Frühstück zu vergünstigten Konditionen bietet. „Deshalb war ich sehr froh, dass ich für eine Übergangszeit ausweichen konnte“, sagt Requadt, die inzwischen eine Ein-Zimmer-Wohnung in St. Jürgen gefunden hat.
Herbergsleiterin Finja Berger erlebt die Not der Studienstarter hautnah. Für 175 Euro pro Woche oder 549 Euro im Monat kommen die Gestrandeten bei ihr unter. „Dieses Jahr ist es wirklich extrem. Zudem kommen die Anfragen auch immer früher“, kommentiert sie. Aktuell wohnen zwölf Studierende in ihren beiden Häusern.
Auch die familiäre Belastung ist enorm: „Neulich stand ein Elternpaar mit seinem Sohn hier vor der Rezeption. Die waren echt verzweifelt und meinten: ‚Ja, wo soll er denn bleiben?‘“, berichtet Finja Berger. Die Problematik ist seit vielen Jahren bekannt; schon vor drei Jahren demonstrierten Studierende wegen des fehlenden Wohnraums in Lübeck.
Wie aussichtslos der Kampf auf dem freien Markt ist, weiß Lene Kroeske vom AStA der Musikhochschule: Sie hatte sich schriftlich um 30 Wohnungen beworben und kaum Reaktionen erhalten. „Man ist mit seinen Ansprüchen immer weiter heruntergegangen und war irgendwann froh, wenn man überhaupt eine Antwort bekommen hat“, erzählt sie. „Der Andrang ist einfach so enorm, dass Vermieter respektive WGs teilweise um die 100 Anfragen in kürzester Zeit erhalten.“
Auch Finn Brüggemann, stellvertretender Vorsitzender des Uni-AStA, warnt vor den Zuständen. Wer auf Vermarktungsseiten nicht innerhalb der ersten Stunde reagiere, lande oft außerhalb der ersten 100 Anfragen. Besonders internationale Studierende treffe es hart, da sie zusätzlich mit Sprachbarrieren und Rassismuserfahrungen zu kämpfen hätten. Der AStA versuche bereits, mit der „Ersti-Couch“ Notunterkünfte zu vermitteln.
Vor drei Jahren startete man zudem gemeinsam mit dem Bürgermeister einen Aufruf an Vermieter. Doch die Lage ist so prekär, dass Brüggemann drastische Maßnahmen fordert: „In Anbetracht der Lage verlangen wir mehr digitale Studienangebote und die vollständige Abschaffung der Präsenzpflichten, denn der Weg der Studierenden von Wohnungen außerhalb Lübecks ist zu weit, um jeden Tag in die Uni fahren zu können.“
Der Blick der Studierendenvertreter richtet sich dabei unweigerlich auf das Studentenwerk Schleswig-Holstein. Dort stehen in Lübeck momentan 542 Personen auf der Warteliste für einen Wohnheimplatz, wie Sprecherin Kerstin Klostermann bestätigt. Seit Jahren ist ein neues Wohnheim am Bornkamp geplant. Doch es hakt gewaltig: Ende vergangenen Jahres bot die Stadt zwar an, das Grundstück unentgeltlich zu übertragen. Bedingung war jedoch, dass das Studentenwerk die komplette Erschließung inklusive 17 geplanter Reihenhäuser – von Strom über Wasser bis zum Straßenbau – selbst übernimmt. „Ein solches Vorgehen ist für uns eher unüblich und mit erheblichem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden“, sagt Klostermann.
Für Finn Brüggemann ein Unding: „Warum das Studentenwerk in Kiel und Flensburg in der Lage ist, neue Wohnheime zu bauen, und dieses in Lübeck scheitert, ist uns schleierhaft und sollte ein Warnsignal an Bürgermeister und Bürgerschaft sein.“ Eine Anfrage an die Hansestadt blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Zudem blickt der AStA mit Sorge auf den möglichen Verkauf von rund 200 Wohneinheiten in zwei Boardinghouses der Volksbank-Tochter und pocht auf einen Verkauf an gemeinwohlorientierte Träger.
Die Universität selbst versucht derweil zu helfen. „Der Mangel an studentischem Wohnraum ist in Lübeck deutlich spürbar“, sagt Uni-Sprecher Daniel Hoth. Die Hochschule prüfe aktuell, „ob sich Flächen auf dem Campus kurzfristig für studentisches Wohnen nutzen lassen“. Trotz der dramatischen Wohnungsnot sind die Einschreibezahlen noch weitgehend stabil mit jeweils mehr als 1110 Erstsemestern sowohl an der Technischen Hochschule als auch an der Uni.
„Wir sind zufrieden, dass trotz eines fehlenden Abitur-Jahrgangs in Schleswig-Holstein so viele Erstsemester auf dem Campus gestartet sind“, freut sich Prof. Till Tantau, Uni-Vizepräsident Lehre.
Doch diese akademischen Erfolge stehen auf dem Spiel, wenn sich die infrastrukturellen Rahmenbedingungen nicht ändern. Studierendenvertreter Brüggemann findet dafür deutliche Worte: „Wenn Land und Stadt so weitermachen, wiegt der fehlende Wohnraum bei der Studienwahl bald mehr als die Qualität der Universität.“