„Einen hundertprozentigenSchutz gibt es nicht“
Umspannwerk Lübeck-West hat doppelte Sicherung: Andere Anlagen können übernehmen.

Das Umspannwerk Lübeck-West entsteht unweit zur Stockelsdorfer Dorfschaft Pohnsdorf an der L184.Foto: Sebastian Prey
Stockelsdorf. Nach den Sabotageakten auf Umspannwerke in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen werde die Streifentätigkeit der Landespolizei „an den neuralgischen Punkten der kritischen Infrastruktur erhöht“. Das hat die schleswig-holsteinische Innenministerin Magdalena Finke (CDU) im Gespräch mit den Lübecker Nachrichten und den Kieler Nachrichten versichert.

Neuralgische Punkte, das sind aus Sicht der Sicherheitsbehörden besonders bedeutsame, empfindliche Knotenpunkte der Versorgung – Anlagen, deren Störung besonders schwerwiegende Folgen hätte. Zählt das im Bau befindliche Umspannwerk Lübeck-West auch dazu?

Netzbetreiber Tennet, der diesen regionalen Stromknotenpunkt in Pohnsdorf (Gemeinde Stockelsdorf) seit 2023 baut,beruhigt: „Grundsätzlich ist das Stromnetz in Deutschland redundant ausgelegt.“ Das bedeute, dass bei Ausfall einer Stromleitung oder Anlage eine andere einspringen könne und somit verhindert werde, dass die Stromversorgung unterbrochen wird, erklärt eine Tennet-Sprecherin auf Anfrage der Lübecker Nachrichten.

Die Versorgungssicherheit beruhe daher nicht auf einer einzelnen Anlage, sondern auf dem Zusammenspiel vieler Anlagen und Leitungen im Netzverbund. „Dadurch ist das Stromnetz gegen lokale Störungen robust aufgestellt.“

Tennet nehme mögliche Angriffe auf die Infrastruktur der Energieversorgung „sehr ernst“. Das Unternehmen überprüfe „fortlaufend“ die Sicherheitsvorkehrungen, führe „ein systematisches Risikomanagement“ durch und arbeite eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen. „Klar ist aber auch: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“, sagt die Sprecherin. Für den Ernstfall existierten Notfall- und Wiederanlaufpläne, die regelmäßig geübt würden.

Vergleichbare Fälle zu den deutschlandweiten Sabotageaktionen in der vergangenen Woche seien „in der Regelzone von Tennet Germany“ aktuell nicht bekannt, erklärt die Sprecherin. Mittlerweile wurde der mutmaßliche Täter nach einer tagelangen, großangelegten Fahndung festgenommen.

Der 48-Jährige aus Gevelsberg soll an mehreren Umspannwerken in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen mit selbstgebauten Raketen Drähte über Hochspannungsleitungen geschossen haben, um Kurzschlüsse auszulösen. In Bekennerschreiben, die die Ermittler für authentisch halten, begründete er die Taten mit Kritik an fossiler Energieerzeugung. Die Ermittler gehen von einem Einzeltäter aus.

Ob das Umspannwerk Lübeck-West tatsächlich zu den „neuralgischen Punkten“ zählt, die die Landespolizei nun verstärkt in den Blick nimmt, lässt das Innenministerium auf Anfrage der Lübecker Nachrichten offen. Grundsätzlich habe die Landespolizei nach den Vorfällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen „unverzüglich direkten Kontakt mit den Betreibern aufgenommen“ und nehme „eine intensive Betrachtung des Umfelds dieser kritischen Infrastrukturen nach Auffälligkeiten“ vor, sagt Innenministerin Magdalena Finke .

Zudem seien frühzeitig alle Polizeidienststellen im Land für typische Auffälligkeiten im Kontext von Spionage und Sabotage sensibilisiert worden. „Jeder Vorfall an kritischer Infrastruktur wird zum Prüffall Spionage/Sabotage und bei Bedarf auch mit dem Verfassungsschutz rückgekoppelt“, sagt Finke.

Konkreter wird es bei der Drohnenabwehr: Die Landespolizei habe mehr als 50 neue Stellen für die Drohnenabwehreinheit sowie die dazugehörige Ermittlungsarbeit geschaffen und sieben Millionen Euro in moderne Abwehrtechnik investiert – „von der frühzeitigen Detektion über die Verifizierung einer Drohne bis hin zur gezielten Intervention“.

Diese Fähigkeiten sollen künftig „noch stärker dezentralisiert“ und näher an Standorten kritischer Infrastruktur positioniert werden, kündigte Finke an. Dazu gehöre auch, Betreiber stärker einzubinden, damit sie Drohnen frühzeitig selbst erkennen und angemessen reagieren könnten. und HAD
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