Mit ihrer Entscheidung ist Eva Ries-Jones in der Hansestadt keineswegs allein. Aktuell nutzen 3071 Lübeckerinnen und Lübecker Stattauto, in Kiel sind es sogar 3850. Insgesamt hält die Genossenschaft mehr als 300 Fahrzeuge an rund 125 Stationen in der Region Lübeck und Kiel bereit. Dazu gehören auch kleinere Orte wie Preetz, Ratzeburg und Plön. Doch welchen Effekt hat dieses Angebot tatsächlich auf Verkehr, Umwelt und das Mobilitätsverhalten der Menschen? Dieser Frage ist die Genossenschaft nun erstmals systematisch nachgegangen. Stattauto ließ sich dazu in diesem Jahr von seinem Dachverband, dem Bundesverband Carsharing e. V., in Bezug auf die eigene Umweltwirkung evaluieren.
Die Ergebnisse der umfangreichen Fragebogen-Aktion, an der 617 Lübecker und 781 Kieler Nutzerinnen und Nutzer teilnahmen, übertreffen selbst die Erwartungen der Geschäftsführung. Der Kernbefund: Stattauto entfaltet eine massiv verkehrsentlastende Wirkung. „Wir waren wirklich überrascht von den Quoten, also wie viele Autos durch unser Angebot nicht mehr benötigt werden“, berichtet Vorstandsmitglied Luisa Eichhorn.
Die Evaluierung unterscheidet dabei zwischen der Reduktionsquote – also den Autos, die nach der Carsharing-Anmeldung aktiv abgemeldet wurden – und der Ersetzungsquote, die jene Fahrzeuge umfasst, die dank des Angebots gar nicht erst angeschafft wurden. „Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass ein Carsharing-Auto circa sieben oder acht Fahrzeuge ersetzt. Jetzt haben wir aber festgestellt, dass für ein Carsharing-Auto tatsächlich 14 Fahrzeuge in Kiel und Lübeck verschwinden oder nicht angeschafft werden“, führt Eichhorn aus.
Eva Ries-Jones besitzt schon lange kein eigenes Fahrzeug mehr – eine bewusste Entscheidung, die ihren Alltag enorm erleichtert hat. „Seit zwölf Jahren nutze ich das Angebot des Autoteilens“, erzählt Ries-Jones. Der Einstieg geschah aus der Not heraus: „Weil das eigene Auto kaputt war, haben wir das mal ausprobiert.“ Hinzu kam ein ganz praktisches Problem: Da die Familie aus England an die Trave gezogen sei, habe sich das Lenkrad auf der rechten, für den deutschen Verkehr unpraktischen Seite befunden, sagt sie.Der gewichtigste Grund war jedoch die Wohnsituation. „Wir wohnen in der Innenstadt, in der es nicht so einfach ist, überhaupt einen Parkplatz zu finden“, sagt sie. Bereut hat sie diesen Schritt nie. „Hier gibt es zahlreiche Stationen, sodass eigentlich immer in der Nähe ein Pkw frei ist.“
Wie tiefgreifend sich das Mobilitätsverhalten ändert, zeigen weitere Zahlen der Studie: Seit der Anmeldung bei Stattauto ist der Pkw-Bestand der Haushalte in Lübeck auf 54 Prozent des ursprünglichen Bestands gesunken.
Auf 1000 Personen kommen in Carsharing-Haushalten in Lübeck nur noch 201 Pkw – in der Gesamtbevölkerung sind es 474. Die Nutzerinnen und Nutzer setzen sich zudem seltener hinters Steuer, sondern steigen vermehrt auf Fahrrad, Fußwege und öffentliche Verkehrsmittel um. Der Anteil der ÖPNV-Zeitkartenbesitzer kletterte in Lübeck nach der Carsharing-Anmeldung rasant von 35 auf 57 Prozent.
Dass das Konzept des Autoteilens vor allem dort greift, wo die Infrastruktur stimmt, ist Vorstandsmitglied Boris Baade bewusst. Er hat die Zufriedenheitswerte der Befragung im Blick: „In den kleineren Städten sind Erreichbarkeit und Verfügbarkeit größere Hindernisse. In den größeren Städten haben wir bei diesen Punkten jedoch durchweg gute Noten bekommen.“
Baade betont jedoch auch, dass die Nutzung eines geteilten Fuhrparks eine gewisse Umstellung erfordert: „Carsharing ist kein Selbstgänger, also für viele ist es intuitiv, aber für viele eben auch nicht. Sie nutzen jedes Mal ein anderes Auto, da sind die Knöpfe woanders.“
Für Eva Ries-Jones überwiegen die Vorteile diese kleinen Hürden bei Weitem. Sie schätzt die Flexibilität. Neulich hat sie einen Transporter gemietet, um ihrer Mutter beim Umzug zu helfen. Vor allem aber genießt sie die Sorgenfreiheit: „Wir zahlen die monatliche Rechnung, das war’s. Man muss sich nicht um eine Versicherung kümmern, man muss sich nicht um Schäden kümmern. Ich finde es unschlagbar bequem.“ Der einzige Nachteil sei, dass man an Feiertagen wie zum Beispiel Pfingsten rechtzeitig im Voraus planen müsse.
Insgesamt ist der Zuspruch für das Konzept derzeit massiv. „Es kommen immer mehr Leute zu uns“, sagt Luisa Eichhorn erfreut. Sie führt dies neben dem guten Angebot auch auf die starke Inflation und damit auf gestiegene Benzin- und Reparaturkosten zurück. Um mit dieser Nachfrage Schritt zu halten, plant Stattauto bereits intensiv für die Zukunft. Ein Fokus liegt dabei auf dem Ausbau der Infrastruktur und der weiteren Elektrifizierung der Flotte, die schon heute zu mehr als 30 Prozent aus E-Fahrzeugen besteht. „Und in Sachen neue Stationen haben wir gerade in St. Lorenz Süd ausgebaut und Stellplätze in drei Quartieren geschaffen.“