Späte Ehre Britische Soldaten bewahrten Lübeck vor Katastrophe.
Der Brite John Garred (Mitte) besuchte den Ort, an dem sein Vater vor 80 Jahren Bomben entschärfte. Mit ihm kamen seine Frau Elisabeth (2.v.re.), sein Neffe Paul (re.), seine Nichte Hannah und deren Partner Carl auf die nördliche Wallhalbinsel in Lübeck.Foto: Sabine JungLübeck/Pönitz. Draußen, auf der nördlichen Wallhalbinsel, ist es laut. Die Bauarbeiten für das neue Quartier im Herzen Lübecks sorgen für Krach und Unruhe. Drinnen in Schuppen C aber geht es an diesem Donnerstagvormittag ruhig, beinahe andächtig zu. Etwa 30 Menschen haben sich versammelt, um an die Bewahrung der Altstadt vor 80 Jahren zu erinnern und um den Mut dreier britischer Soldaten zu würdigen. Stolz sei er auf seinen Vater, sagt John Garred. Er ist mit seiner Familie aus Großbritannien angereist und sieht sich staunend im hallenartigen Schuppen um. Vor exakt 80 Jahren, am 20. August 1946, riskierten Roland Norman Garred und John William Hatton, Angehörige einer Bombenentschärfungseinheit der Royal Air Force, unter Leitung von Hubert Dinwoodie auf der nördlichen Wallhalbinsel ihr Leben, um Lübeck vor verheerender Verwüstung zu retten. Neben der Familie Garred sind weitere Angehörige der drei Soldaten gekommen. „Vor 80 Jahren entschied sich an dieser Stelle innerhalb von Sekunden, wie Lübeck künftig aussehen würde“, leitet Kultursenatorin Monika Frank (SPD) den Reigen kurzer Ansprachen ein. Sie erinnert daran, wie Dinwoodie, Garred und Hutton nach der Detonation einer Fliegerbombe am Wallhafen weitere Sprengkörper entschärften. Binnen vier Tagen ließen sie über 30 Tonnen Sprengstoff, die in zwei Güterzügen lagerten, mit Schiffen aus der Stadt transportieren. „Mein Vater hat über diese Geschichte nie gesprochen“, erzählt John Garred. Erst zwei Jahre vor seinem Tod habe Roland Norman Garred seinem Sohn die Georgsmedaille gezeigt, mit der er in seiner Heimat für seinen Einsatz in Lübeck ausgezeichnet wurde. Über Umwege erfuhren Karin Bühring und Ullrich Günther vom Museum für Regionalgeschichte in Pönitz (Gemeinde Scharbeutz) davon und brachten die Details ans Licht – und zwar mithilfe von Barbara Tull, deren Vater Sergeant Roy Tull von der Royal Air Force (RAF) akribisch Buch über die Geschehnisse nach Kriegsende führte. „Es ist sehr bewegend, dass zahlreiche Angehörige der drei Männer heute hier sind“, erklärt Barbara Tull in Schuppen C. Lawrence Savage, Urenkel von Hubert Dinwoodie überreicht den Erinnerungsbericht seines Urgroßvaters mit zahlreichen Fotos aus seiner Zeit in Lübeck nach Kriegsende. John Garred geht anschließend mit seinen Angehörigen zur Kaikante, zu den alten Schienen, auf denen damals die Güterzüge mit ihrer gefährlichen Fracht standen. Schade sei es, dass er nie mit seinem Vater über die Ereignisse reden konnte, weil er nichts davon gewusst habe, sagt John. Umso schöner sei es, „dass hier in Lübeck auf diese Weise an ihn erinnert worden ist“. Von SAJ