Das versteckte Kutschen-Reich an der Wakenitzmauer
Ein privates Museum in Lübeck beherbergt mehr als 50 historische Fahrzeuge – Besuchende gehen auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert.

Christian Wesnigk hat zu Lebzeiten Pferdewagen und alles mögliche Zubehör gesammelt. Jetzt führen Johanna und Cay Wesnigk sein Erbe weiter.Fotos: Agentur 54°
Lübeck. Eine große Doppeltür, braun-weiß gestreift, darüber ein filigranes und detailverliebtes schmiedeeisernes Schild mit der Inschrift: „Christian Wesnigk’s privates Pferdewagen-Museum 1979“. Wirklich auffällig ist es nicht – und schon gar nicht lässt es erahnen, was sich in dem Gebäude in der Straße Wakenitzmauer, Hausnummer 32-36, alles verbirgt.

Christian Wesnigk (1931–2024), von Beruf Landschafts- und Gartenarchitekt, hatte jahrzehntelang Kutschen gesammelt und alles, was damit zusammenhängt. Also auch Pferdegeschirr, Reisezubehör, Kutschenlampen, alte Bilder, Bücher, Dokumente und mehr – bis hin zu einer kompletten Schmiede. „Wenn man einmal angefangen hat zu sammeln, dann ist es schwer, aufzuhören“, sagt Sohn Cay Wesnigk (63). Er weiß es, denn auch ihn hat die Sammelleidenschaft gepackt. Er ist Filmemacher und Filmarchivar und besitzt historische Filmaufnahmen sowie Film- und Videoabspielgeräte. Mit seinen Lübeck-Filmen bereichert er auch immer wieder die Nordischen Filmtage.

Und nun ist es auch Cay Wesnigk, der durch das Pferdewagen- bzw. Kutschenmuseum führt. Der Vater verstarb vor zwei Jahren und hat ihm und seinen zwei Schwestern Johanna (66) und Saskia (68) dieses große Erbe hinterlassen. Die Schwestern helfen, wo sie können. Denn auch für sie steht fest: „Die Sammlung muss erhalten bleiben. Das sind alles kostbare Dinge. Die möchten wir auch für nächste Generationen erhalten wissen.“

Unzählige Male hat Cay Wesnigk bei den Führungen seines Vaters zugehört, hat alle Informationen aufgesaugt. Häufig habe dieser – so erinnern es Cay und Schwester Johanna Wesnigk noch zu gut – zu sehr ausgeholt und alles erzählen wollen über jedes einzelne Museumsstück. „Das dauerte dann oft viel zu lang“, sagt Johanna Wesnigk.

„Ich habe nun einen Weg gefunden, auf meine Weise Führungen anzubieten“, ergänzt Cay Wesnigk: „Ich nehme die Besucher mit auf eine Zeitreise ins ausgehende 19. Jahrhundert, und die dauert 90 Minuten, eine Spielfilmlänge.“

Apropos Film: Zu Beginn jeder Führung zeigt Cay Wesnigk erst einmal einen zehnminütigen Film, der die Besucher in die Zeit der Kutschfahrten zurückversetzen soll. Zu sehen – ohne gesprochene Worte, aber mit Musik – ist eine Familie in den 1860er- Jahren, die eine Reise antritt. Mit einem Pferdewagen wird sie zur damals noch neuen Eisenbahn gebracht, und kann diese gerade noch erreichen, bevor sie abfährt. Ab dann sind die Besucher mittendrin und Cay Wesnigk in seinem Element.

Mit seinem großen Schlüsselbund öffnet er die hohen Türen zu den großen Hallen: Die Sammlung besteht aus mehr als 50 Pferdewagen und zu jedem gibt es eine Geschichte. Sie alle sind Originale und stammen aus der Zeit zwischen 1850 und 1920. Anfassen ist nicht erwünscht, Fragen stellen umso mehr.

Zu sehen ist auch der Wagen, mit dem die Sammlung ihren Anfang nahm, ein sogenannter Amerikaner, den der Vater 1979 für 200 Mark kaufte. Der Verkäufer hatte ihm eigentlich nur die Räder angeboten (Stück 50 Mark). Was mit dem restlichen Wagen denn passieren würde, habe damals sein Vater gefragt, erzählt Wesnigk. „Den smiet wie wech“, habe der Verkäufer im besten Holsteiner Platt geantwortet. Das habe der Vater nicht zulassen können. Und so nahm das Kutschensammeln seinen Anfang.

Bis heute kommen immer noch Wagen dazu. Denn auch Cay Wesnigk kann es nicht lassen. Eine Kutsche hat er bereits aufgetan, die ebenfalls unbedingt noch in die Sammlung muss. Gebaut in der Wagenbaufabrik Lübeck von Chris Osbahr in der Fleischhauerstraße, so hat es Wesnigk herausgefunden. Nun will er mehr erfahren, recherchiert und versucht, Nachfahren des Stellmachers (ein altes Handwerk zur Herstellung von Rädern und Wagen) ausfindig zu machen.

Doch ein Problem gibt es – den Platz. Denn obwohl das Gebäude riesig ist, reicht der Platz nicht aus. Cay und Schwester Johanna Wesnigk wünschen sich Kooperationen mit anderen Museen, würden gern noch mehr Flächen nutzen. Obendrein würden sie gern in einem angrenzenden Gebäude ein Museumscafé mit integriertem Museumsshop eröffnen. Letzteres sind noch Träumereien – aber die darf man ja haben. „Wir haben nun erst einmal der Stadt angeboten, die Sammlung unter Denkmalschutz zu stellen“, erklärt Cay Wesnigk. Er hofft, so den langfristigen Erhalt der Sammlung sichern zu können.

Eine Führung gibt es nur nach vorheriger Voranmeldung bei Cay Wesnigk unter der E-Mail-Adresse cay@agdok.de für bis zu zwölf Personen. Eintrittspreise gibt es keine, die Wesnigks freuen sich allerdings sehr über eine Spende.

Familie Amedick hat jüngst einen Rundgang miterlebt. Die Eltern Karin und Alfred haben ihre drei erwachsenen Kinder Gudrun (40), Sandra (38) und Arnd (36) dazu eingeladen. Allesamt begeistern sie sich für altes Handwerk und hatten ihre wahre Freude. Fast drei Stunden dauerte die Führung, denn es kam doch eins zum anderen. Ihr Fazit am Ende: „Es gibt hier zu viel zu entdecken. Aber diese historischen Bauweisen der Kutschen und die damals verwendete Technik begeistern einfach.“ So schrieben sie gern ins Gästebuch, hätten Cay Wesnigk gern noch stundenlang zugehört.

Schließlich gibt es viel zu entdecken in diesem Museum. Denn nicht nur, dass in einem aufwendigen Unterfangen Kutschenwagen und sogar Schlitten in die erste Etage gehoben wurden. Dort oben sind auch Kleidungsstücke aus der Zeit der Kutschfahrten ausgestellt, daneben Puppenwagen, ein Schaukelpferd und die blechernen Vorgänger der Bobbycars. Johanna Wesnigk möchte damit mehr Familien mit Kindern ansprechen. Obendrein finden die Geschwister auf Flohmärkten oder durch Haushaltsauflösungen ebenfalls immer wieder Dinge, „die doch eigentlich ins Museum gehören“. Also sammeln auch sie weiter.

Einen kleinen Einblick beziehungsweise Vorgeschmack auf eine Führung durch das Kutschenmuseum gibt es zur 24. Lübecker Museumsnacht am Samstag, 29. August. Eine Nachtführung unter dem Motto „Mit Stearinkerzen unterwegs durch die finstere Nacht“ bieten Cay und Johanna Wesnigk ab 19 Uhr jeweils 20 Minuten lang an. Beginnend immer zur vollen und zur halben Stunde.

Ein weiteres Projekt, das angegangen werden müsse, so Wesnigk, sei eine eigene Webseite. Doch es drängt auch noch etwas anderes: Mit einem Seufzen weist er auf ein wenig Holzmehl hin, das der Holzwurm, der ärgste Feind eines jeden Kutschensammlers, hinterlassen hat: „Die Arbeit an so einer Sammlung hört nie auf!“ und KHE



Druckansicht