Lehm, Reet und „Haus-im-Haus“:Kreative Ideen für den Hafenschuppen D
TH-Studierende zeigen Entwürfe für Nördliche Wallhalbinsel – Wettbewerbsfinale am 13. September.

So stellen sich Chaima Chahour, Paul Leidig und Robin Strich das künftige Innenleben des Hafenschuppen D vor.Fotos: Michael Hollinde
Lübeck. Die Umgebung könnte passender kaum sein: In der leeren Halle mit der hohen Dachbalkenkonstruktion wird an diesem Vormittag ein Füllhorn an Ideen ausgeschüttet. Rund 120 Minuten lang präsentieren Masterstudierende des Fachbereichs Bauwesen der TH Lübeck ihre Entwürfe im Hafenschuppen C. Sie wollen die Leere mit Leben füllen – allerdings nicht hier vor Ort, sondern einen Steinwurf weiter, im Hafenschuppen D.

Das übergeordnete Ziel ist der Erhalt der industriegeschichtlich bedeutsamen Gebäude. Denn diese noch vollständig erhaltene Hafenschuppenlandschaft auf der Nördlichen Wallhalbinsel sei ein historisches Kleinod, das zu Lübeck gehöre wie das berühmte Niederegger-Marzipan, postulierte dereinst die erfolgreiche Retter-Initiative. Ein Reigen an Ausarbeitungen wird von den 28 angehenden Architektinnen und Architekten vorgestellt.

„Haus-im-Haus“ aus

regionalen Baustoffen

Die größte Herausforderung: Es gilt, den Konflikt zwischen zukünftigem Wohn- und Werkbetrieb zu lösen. Schließlich soll der Schuppen D einen Mix aus Werkstatt- und Büroräumen, Seminar- und Kreativflächen sowie Wohnmöglichkeiten bieten. Die Lösungen fallen entsprechend verschieden aus: Funktionsboxen für das Schreinern, Malern et cetera werden angedacht, um so den Bestand zu schonen. Wohnräume sollen nach dem „Haus-im-Haus“-Prinzip aus energetischen Gründen in die Halle hinein gebaut werden.

Bei den Baustoffen setzen die Studierenden auf regionale Materialien wie Lehmziegel, Schilfrohr und Reet, aber auch Experimente mit Reifenresten werden mutig auf die Agenda gesetzt. „Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der inzwischen der nördliche Teil des Hafenschuppens gehört, hatte die Studierenden aufgefordert, möglichst frei und wild zu planen“, kommentiert TH-Dozent Jan Oertling. Der Doktorand leitet zusammen mit Prof. Michael Locher – sein Schwerpunkt „Bauen im Bestand“ – das Lehrprojekt im Studiengang.

Wie das Gebäude künftig genutzt wird, steht schon fest: einerseits als Domizil der Jugendbauhütte. Dabei soll die Werfthalle, die weiterhin gemeinsam mit der Gesellschaft Weltkulturgut genutzt wird, erhalten bleiben. Der südliche Teil soll indes der Kreativwirtschaft und der Jugendarbeit dienen. Den Grundstein für die Konzepte legten die Studierenden bereits im Frühjahr. „Im März ging es mit einem Workshop gemeinsam mit der Jugendbauhütte und den FSJlern los“, so Oertling.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter betont den Wert des Vorgehens: „Meines Wissens nach gibt es bundesweit kaum ein vergleichbares Projekt,wo wirklich Industriearchitektur in der Gesamtheit umgewandelt wird. Vor allem gemeinsam mit den Nutzenden, also sozusagen im Werkstattverfahren. Das alles sorgt für eine hohe Qualität.“ Auch die jungen Leute selbst sehen den großen Reiz der Aufgabe. „Man kann sich kreativ so richtig ausleben“, schwärmt etwa Masterstudent Paul Leidig.

Doch gab es mitunter auch Hürden am digitalen Zeichentisch. So erklärt Kommilitonin Chaima Chahour: „Die Dachöffnungen im Hafenschuppen waren zum Beispiel für uns ein schwieriges Thema, da wir nicht alles mit Glas machen wollten. Glas ist immer die schwierige Variante.“

Die Mühe der Studierenden und die vielen Wochen des Kopfzerbrechens werden nicht umsonst sein. So ist für Sonntag, 13. September, am „Tag des offenen Denkmals“ eine öffentliche Präsentation geplant. Zudem wird eine Fachjury an demselben Tag einen Siegerentwurf küren.

„Die Entwürfe sollen schließlich in die weitere Planung einbezogen werden. Wie und in welchem Rahmen das erfolgt, wird noch entschieden“, sagt Paula Wätzold von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Und bis wann tatsächlich alles bezugsfertig ist, lässt sich derzeit nicht kalkulieren.

Ivalu Vesely, Leiterin der Jugendbauhütte, gibt sich entspannt: „Bei uns im Schuppen D wird es noch eine Weile dauern. Wir gehen das, wie in der Denkmalpflege üblich, mit einem langsamen, übersichtlichen Tempo an, Schritt für Schritt vor. Wir wollen nichts überstürzen.“ und MHO

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