Altersgerechte Wohnungen: In Lübeck Mangelware?
Laut einer Studie sind nur sechs Prozent der Wohnungen rollstuhltauglich – Wohnungsbaugesellschaften widersprechen.

„In der Korvettenstraße wurden nachträglich Aufzüge eingebaut“, sagt Stefan Probst, Vorstand des Lübecker Bauvereins.Foto: Neelsen
Lübeck. Die Zahl älterer Menschen steigt stetig – die Ausstattung der Wohnungen kann mit dieser Entwicklung auch in Lübeck laut einer Untersuchung des Pestel-Instituts nicht mithalten. Demnach sind von den knapp 123.600 Wohnungen in der Hansestadt nur rund 7200 so gebaut, dass sie für Menschen geeignet sind, die einen Rollator oder Rollstuhl brauchen.

„Damit bieten nur rund 6 Prozent aller Wohnungen in Lübeck den Standard, der nötig ist, um mit körperlichen Einschränkungen oder auch als Pflegefall darin alt zu werden“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther. Problematisch seien insbesondere Bäder, Küchen und Flure.

27 Prozent der Wohnungen barrierefrei erreichbar

Große Lübecker Wohnungsbaugesellschaften wollen die Zahlen so nicht stehen lassen. Von den insgesamt 5800 Wohnungen des Lübecker Bauvereins sind nach Angaben von Sprecherin Heike Heickmann 1486 Wohnungen – und damit ungefähr jede vierte – „barrierearm“. 1557 Wohnungen verfügen über einen Aufzug und sind damit barrierefrei erreichbar, das entspricht 27 Prozent aller Wohnungen.

Unterschiedliche Bezeichnungen für altersgerecht sorgen mitunter für Verwirrung. Der Begriff barrierefrei ist ein gesetzlich geschützter Standard, der eine Nutzung ohne fremde Hilfe ermöglicht. Mit barrierearm ist meist gemeint, dass Hindernisse reduziert wurden, aber gewisse Einschränkungen bestehen.

Diese Vorgaben macht
die Bauordnung SH

Die Bauordnung des Landes Schleswig-Holstein schreibt für Neubauten vor, dass in Gebäuden mit mehr als zwei Wohnungen mindestens die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein müssen. In diesen Wohnungen müssen laut Gesetz „die Wohn- und Schlafräume, eine Toilette, ein Bad, die Küche oder die Kochnische sowie die zu diesen Räumen führenden Flure barrierefrei, insbesondere mit dem Rollstuhl zugänglich, sein.“

Die Wohnungsbaugesellschaft Schütt berücksichtigt nach Angaben von Sprecherin Ines Helbig „im Regelfall bei allen Neubauprojekten altersgerechte Anforderungen wie schwellenfreie Zugänge, breitere Eingangstüren, rutschsichere Fliesen oder ebenerdige Duschen sowie Aufzüge“. In Einzelfällen sei der Einbau eines Aufzuges nicht möglich, gleiches gelte für viele Wohnungen im Altbestand.

Bei anstehenden Sanierungen baut der Lübecker Bauverein seine Wohnungen nach Angaben von Vorstand Stefan Probst „auf Anfrage der Mieter altersgerecht um“. Ein nachträglicher Anbau von Aufzügen ist laut Probst „nur in wenigen Fällen unter hohem finanziellem Aufwand machbar“. In den Gebäuden in der Korvettenstraße 103-115 sei im Jahr 2010 erstmals ein solcher nachträglicher Anbau von drei Aufzügen realisiert worden.

Zum Wohnungsbestand der Grundstücks-Gesellschaft Trave gehören nach Aussage von Geschäftsführer Sebastian Weist derzeit 131 rollstuhlgerechte Wohnungen, 345 barrierefreie Wohnungen sowie 1157 barrierearme Wohnungen. „Damit verfügen bereits heute rund 20 Prozent unseres Wohnungsbestandes über barrierearme, barrierefreie oder rollstuhlgerechte Ausstattungsmerkmale“, betont Weist.

Weitere altersgerechte Wohnungen „befinden sich in Planung beziehungsweise Umsetzung“. Diese seien bei der Trave „ein wichtiger Bestandteil unserer langfristigen Bestandsentwicklung“.
Auftraggeber der Studie ist eine Lobbyorganisation, deren Mitglieder von einer Umbauwelle profitieren würden: der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB). „Auf Dauer ist jede altersgerechte Sanierung günstiger als ein Umzug ins Heim“, argumentiert BDB-Präsidentin Katharina Metzger. Vor allem aber gehe es um den Wunsch der Menschen selbst: „Die meisten wollen in den eigenen vier Wänden alt werden.“

Trave-Geschäftsführer Stefan Weist hat die Erfahrung gemacht, dass „viele Mieterinnen und Mieter ihre Wohnung individuell an ihre Bedürfnisse anpassen und dadurch auch in Bestandswohnungen langfristig selbstständig wohnen können“. Nicht immer sei dafür eine vollständige Barrierefreiheit nötig.

Die in der Pestel-Studie genannten Zahlen für Lübeck könne die Trave nicht verifizieren. „Nach unserem Kenntnisstand haben weder wir noch die uns bekannten Lübecker Wohnungsgenossenschaften entsprechende Daten an das Pestel-Institut übermittelt.“ Die veröffentlichten Werte beruhten daher vermutlich „auf statistischen Hochrechnungen und nicht auf einer konkreten Erhebung der tatsächlichen Wohnungsbestände“. Das Pestel-Institut nutzt nach eigenen Angaben Daten der Bundes- und Landesbauministerien, Erhebungen von Mieterbünden sowie Kennzahlen der Wohnungswirtschaft.

Maßnahmen gegen
Einsamkeit im Alter

Nach Ansicht des Lübecker Bauvereins sollten sich Konzepte zum altersgerechten Wohnen nicht auf bauliche Maßnahmen beschränken, sondern auch der Einsamkeit entgegenwirken. Der Lübecker Bauverein betreibt laut Probst „intensive Nachbarschaftsarbeit mit fünf Sozialpädagoginnen, vier Nachbarschafts-Treffs und drei Gemeinschaftsräumen“.

Derzeit würden auch Wohnungen für gemeinschaftliches Wohnen entwickelt, mit kleinen, abgeschlossenen Appartements und großer Gemeinschafts-Wohnküche. Das Projekt 60+ bestehe bereits seit 15 Jahren. Dort leben laut Probst in 42 Wohnungen ältere Menschen, denen gemeinsame nachbarschaftliche Aktivitäten wichtig sind. und GRI

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