Ganoven mit Chip überführt:
Was Geigenbauer in Lübeck erleben
Wegen jüngster Einbrüche in Werkstätten sind Handwerker gewarnt – Schlechte Erfahrungen haben schon einige von ihnen gemacht.

Geigenbaumeister Christian Adam – hier bei der Arbeit an einem Schülercello – weiß: Wertvolle Instrumente in der Werkstatt müssen geschützt werden.Foto: Nick Vogler
Lübeck. Es war kein klassischer Einbruch, der Trick war wohl ein anderer. Doch die Folgen sind für den Lübecker Geigenbauer Herrmann Leutz (84) die gleichen: Wertvolle Instrumente und einige Sammlerstücke sind im August des vergangenen Jahres aus seiner Werkstatt verschwunden. Doch als er seine Geschichte der Polizei schildert, kostet es ihn einige Mühe, dass ihm überhaupt jemand glaubt, so erzählt er es heute.

Leutz kannte eine 54-jährige Kundin schon aus einer unglaublichen Erfahrung, die Jahre zurück liegt. Damals bot sie ihm einen teuren Geigenbogen zum Verkauf, den er aber sofort als seinen eigenen, unter dubiosen Umständen verschwundenen Bogen erkannte. Damals sei sie als ertappte Hehlerin vor ihm auf die Knie gefallen, habe um Vergebung gebeten. Er habe sie nie angezeigt, blieb mit der Frau sogar in Verbindung. Bis sie ihn zusammen mit einer 30-jährigen weiteren Kundin im August 2025 besuchte. Das letzte, woran Leutz sich erinnert, ist, dass man gemeinsam ein Gläschen in der Werkstatt getrunken habe. Heute vermutet er K.-o.-Tropfen in dem Getränk. Als er zu sich kam, waren die Gäste weg – und es fehlten viele Instrumente, auch der Safe mit wertvollen Instrumente war geöffnet und geleert.

Beweislage dünn:
Ermittlungen eingestellt

Die Polizei kam am nächsten Tag, sicherte Spuren. Aber: Die kriminaltechnischen und toxikologischen Untersuchungen hätten nichts ergeben, heißt es im Einstellungsbescheid der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Eine Beschuldigte habe die Tat bestritten, die andere habe keine Angaben gemacht. Den Lübecker Nachrichten sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, der Verdacht gegen eine 54-jährige und im weiteren Verlauf auch gegen eine 30-jährige Beschuldigte habe sich im Zuge der Ermittlungen nicht erhärtet.

Eine Durchsuchung bei der 54-jährigen Beschuldigten habe nicht zum Auffinden entsprechender Beweismittel geführt. Die Beweislage sei für eine Anklageerhebung zu dünn gewesen. Leutz führt das auf die Zeitverzögerung zurück. K.-o.-Tropfen werden im Körper schnell abgebaut und sind nicht lange im Blut nachweisbar. Er vermutet weiter, dass nur diese Kundinnen die Instrumente entwendet haben könnten und diese längst außer Landes geschafft haben könnten – eventuell mit Helfern.

Diese Vermutung bei Instrumentendiebstählen haben auch andere Geigenbauer. Sie machen sich wegen zunehmender Einbrüche bundesweit und auch im Norden Gedanken über die Sicherung ihrer Werkstätten. Christian Adam, Geigenbauer aus Lübeck, hat viele Ideen, was Sicherungssysteme leisten müssen. Nicht alles verrät er, man wolle Ganoven schließlich keinen Vorsprung geben.

Doch was, wenn Einbrecher WLAN-Verbindungen mit Störsendern unterbrechen oder die Stromversorgung kappen? „Überwachungsanlagen müssen sich selbst mit Strom versorgen können und im Fall von Störversuchen bereits ein Signal senden“, sagt er. Eines der Systeme in seiner Werkstatt habe ihn einmal geweckt. Der Blick auf den Bildschirm zeigte schnell: Es war zwar Fehlalarm, aber er habe daraus folgendes gelernt: 1. Die Anlage funktioniere auch bei geringen Reizen. 2. Die Bildübertragung sei gestochen scharf. 3. Er müsse mal wieder die Ecken fegen, denn direkt vor der Kameralinse hatte sich eine Spinne abgeseilt. Sie hatte das Alarmsystem aktiviert und dem nachts aufgeschreckten Geigenbauer direkt in die Augen geschaut.

Adam will sich wehren gegen Betrüger und Einbrecher, die organisiert vorgehen und in großem Stil deutsche und europäische wertvolle Instrumente spurlos verschwinden lassen. Einem dubiosen Kunden legte er mit einem Trick das Handwerk. Der Fall liegt bereits zehn Jahre zurück. Unter dem Namen Davidsson gab sich der Mann als Cellist aus, sprach bei Geigenbauern zum Beispiel in Hamburg und in Mecklenburg-Vorpommern vor, mit dem Anliegen, Instrumente für einen Test zum späteren Kauf auszuleihen.

Der Geigenbauer aus MV sagte den Lübecker Nachrichten, er habe den Mann wegen eines unguten Gefühls am Telefon damals abgewimmelt, heute sei er froh darüber. Denn nur Adam kam auf die Idee, aufgrund begründeter Zweifel in ein Instrument einen GPS-Sender einzubauen. Er informierte die Polizei, als er verfolgen konnte, wie sich das Instrument in eine unerwartete Richtung bewegte. Am Bahnhof Kiel hätten die Beamten beobachtet, wie das präparierte Instrument an andere Menschen übergeben wurde.

Warum Händler oft auf
Verlusten sitzenbleiben

Christian Adam erinnert sich: „So hatte meine Methode zwar Erfolg, den mutmaßlichen Instrumentenhehlern konnte aber nichts nachgewiesen werden. Man ließ sie laufen – später stellte sich heraus, dass zeitgleich eine große Menge Musikinstrumente gestohlen worden war und verschwunden blieb.“ Wenigstens war das präparierte Cello wieder in seinem Besitz.

Verlust durch Betrug oder Diebstahl: Auf dem Schaden bleiben Händler oft sitzen. Viele Instrumente von Geigenbauern sind nicht versichert oder für Versicherungsfälle nicht ausreichend dokumentiert. Denn einige der Geigen, Celli oder Bratschen werden erst dann für Kunden endgültig fertiggestellt, wenn es Kaufabsichten gibt. Nun wolle man unter Kollegen und auch mit Versicherungen klare Regeln besprechen, die jüngsten Taten würden das geradezu fordern.

So auch bei Sammler Leutz, der viel Arbeit und Geld investieren muss, um Nachweise über die verschwundenen Instrumente zu bringen. Er habe daraus gelernt: „Ich bin zukünftig noch viel vorsichtiger.“ und NV
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