Einsturzgefahr am Ostpreußenkai
„MS Europa“ musste nach Kiel ausweichen – Weihnachtsmarkt in Gefahr.

Gähnende Leere im Abfertigungsterminal am Ostpreußenkai in Travemünde.
Travenünde. Viele Sehleute und Schiffsspotter hatten am vergangenen Wochenende wohl ein dickes Kreuz in ihrem Terminkalender stehen. Denn: Die „MS Europa“ sollte am Travemünder Ostpreußenkai festmachen. Ein imposanter Luxuskreuzfahrer mit 400 Gästen an Bord, der maritimen Glanz ins Seebad gebracht hätte.

Doch aus dem einzigen geplanten Kreuzfahrt-Anlauf im lübschen Ostseebad im Jahr 2026 wurde nichts. Stattdessen bekam der Seehafen Kiel einen prominenten Überraschungsgast. Vom Nordkap kommend, steuerte der Luxusliner nicht die Travemündung, sondern direkt die Förde an. Der Grund für diesen unüblichen und recht kurzfristigen Hafenwechsel ist ein massives bauliches Problem, das ein sicheres Festmachen an der Kaikante unmöglich macht.

Warnschilder am Terminal seit zwei Wochen

Da der Skandinavienkai als Ausweichmöglichkeit nicht infrage kam, musste die Reederei schnell reagieren. „Hapag-Lloyd Cruises wurde seitens der Hafenagentur über die Sperrung des Ostpreußenkais in Travemünde mit sofortiger Wirkung informiert“, bestätigt eine Sprecherin der Reederei. Verwunderung oder Beschwerden gab es an Bord dem Vernehmen nach nicht, da die Passagiere bereits Tage zuvor über die Planänderung unterrichtet worden waren.

Wer derzeit am Ostpreußenkai spazierengeht, erkennt schnell den Ernst der Lage. Am Zaun vor dem gläsernen Kreuzfahrtterminal warnen seit mehr als zwei Wochen unmissverständliche Schilder: „Achtung! Die Kaikante ist aufgrund von Einsturzgefahr nicht befahrbar.“

Die drastische Maßnahme sei völlig alternativlos, heißt es. So erklärt der stellvertretende Stadtsprecher Hansjörg Wittern die bedrohliche Situation: „Die LHG als Hafenbetreiber hat die Sperrung des Ostpreußenkais in Travemünde dezent, aber den Vorschriften entsprechend, umgesetzt.“ Bei regelmäßigen Bauwerksinspektionen seien gravierende Mängel zutage getreten.

So weise die vorhandene Spundwand erhebliche Ab- rostungs- und Alterungsschäden auf und habe damit eine entscheidende Sicherungsfunktion gegen Bodenausspülung verloren, so Wittern weiter. Ein Weiterbetrieb in diesem Zustand wäre grob fahrlässig, denn die Folgen könnten verheerend sein.

„Ein Versagen der Spundwand kann dazu führen, dass Erdreich hinter der Wand ausgespült wird, Pfähle ihre seitliche Bettung verlieren, zusätzliche Biegemomente entstehen und hierdurch die Gesamtstandsicherheit der Kaianlage gefährdet wird“, beschreibt der Stadtsprecher das Worst-Case-Szenario. Das Monitoring der maroden Anlage wurde daher umgehend intensiviert.

Weihnachtsmarkt
steht auf der Kippe

Wie es nun weitergeht, ist allerdings völlig offen. Aktuell prüfen Fachleute kurzfristige Sicherungsmaßnahmen. „Ein Konzept für eine nachhaltige Sanierung oder einen möglichen Ersatzneubau ist in Arbeit und eine weitere Planung erfolgt im Anschluss“, sagt Wittern, muss aber gleichzeitig die Erwartungen dämpfen: „Zum aktuellen Zeitpunkt kann zur Dauer der Reparatur und zu den entstehenden Kosten nichts Konkretes mitgeteilt werden. Die Planungen und die Umsetzung von Maßnahmen zum Ersatzneubau bedürfen in der Regel eines längeren Zeitraums.“

Die weitreichende Sperrung hat nicht nur Auswirkungen auf die ohnehin stark rückläufige Zahl von Kreuzfahrtbesuchen in Lübeck. Sie trifft auch das Leben an Land. Das könnte ein beliebtes Event im Winter empfindlich treffen.

Stichwort Adventsmarkt: „Da aktuell sämtlicher Kfz- sowie Lkw-Verkehr ausgeschlossen ist und auch Buden für den Weihnachtsmarkt eine punktuelle Belastung auf der Pierplatte darstellen, würde diese Nutzung wohl insbesondere im Sinne der Sicherheit für alle nicht möglich sein“, warnt der Stadtsprecher. Das letzte Wort sei hier aber noch nicht gesprochen: „Dies wird also in nächster Zeit noch mit den Beteiligten zu klären sein.“

Trotz der dramatischen Schäden an der Kaikante gibt es zumindest einen kleinen Lichtblick in diesem Sommer: Das gläserne Kreuzfahrtterminal selbst darf weiterhin gefahrlos genutzt werden. Wenn ab dem 17. Juli die Travemünder Woche startet, zieht hier das kulturelle Leben ein.

14 Malerinnen, Maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Travemünde und der Region wollen die 450 Quadratmeter große Fläche mit einer Ausstellung bespielen. Rund um die Themen Meer, Schiffe, Strand, Wind und Segeln bringen sie das maritime Flair zurück in das verwaiste Gebäude.

Und auch die Schiffsspotter dürfen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem umgeleiteten Luxusliner behalten: Für den 10. September 2027 ist Travemünde wieder offiziell im Programm der Reederei für die „Europa“ notiert. Ob die marode Spundwand bis dahin wieder standhaft ist, wird sich zeigen müssen. und MHO/FB

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