„Das Wichtigste ist, dass die Nährstoff- und Pestizidzufuhr endlich verringert wird, damit der Fluss sich erholen kann“, sagt Rolf Albert von der Arbeitsgemeinschaft (AG) Wakenitz. Der Lübecker sitzt vorn im Boot, AG-Kollege Jörg Clement steuert, und Katja Mentz hat den Platz im Mittelteil. Die Lübecker GAL-Politikerin setzt sich seit Jahren für die Wakenitz-Sanierung ein.
Die Einträge von Nähr- und Schadstoffen stammten primär aus der Landwirtschaft sowie aus der Niederschlagsentwässerung, erklärt Mentz. Im Fluss kommt es zu einer Anreicherung von Nährstoffen und einem beschleunigten Wachstum von Algen und Wasserpflanzen (Eutrophierung).
Gemeinsam ist das Trio auf der Stadt-Wakenitz unterwegs. An diesem Tag ist das Flusswasser graugrün, der Himmel wolkenverhangen, der Wind still. Mit ein paar Handgriffen schafft es das Trio, die Pflanzen abzureißen und das Boot wieder fahrtüchtig zu machen. Bei der Wakenitzschifffahrt Quandt ging das zuletzt nicht so schnell, werden sie später am Anleger Moltkebrücke erfahren.
„Vergangenes Jahr haben sich die Wasserpflanzen so um die Schiffsschraube gewickelt, dass wir einen Motorschaden hatten“, berichtet Schiffsführer Paul Quandt (24). „Die Kosten mit Ausfall und Reparatur lagen bei rund 80.000 Euro.“ Außerdem verstopften die Wasserfilter immer schneller. „Früher mussten wir sie alle paar Tage reinigen, heute mindestens täglich. Manchmal schon am Müggenbusch.“ Das ist der erste Halt.
Die wirtschaftlichen Aspekte sind nicht das Einzige, was ihn quält. „Wir sind ein Familienbetrieb. Ich war bereits drei Tage nach meiner Geburt mit meiner Mutter auf dem Fluss unterwegs“, erzählt der 24-Jährige. Im Laufe der Jahrzehnte sieht er die „traurige Veränderung“ deutlich: „Singvögel verschwinden, der Fluss ist stiller geworden. Auch Seerosen sehe ich weniger, dafür immer mehr Müll: Flaschen, Pizzakartons, Plastiktüten.“Die Experten fahren weiter in Richtung Falkendamm. Auf Höhe des Drägerparks, am Tor der Hoffnung, sitzen Dutzende Schwäne und Graugänse auf dem Rasen. „Wenn Arten explosionsartig zunehmen, zeigt es die Verarmung der Artenvielfalt und dass etwas nicht in Ordnung ist“, erklärt Rolf Albert. Jörg Clement ergänzt: Nicht nur Krebsarten, Muscheln und Schnecken sind verschwunden, auch Kleinfischarten wie Bitterling oder Schlammpeitzger gebe es kaum noch.
„Dramatisch ist auch der Rückgang des Wasserschilfs als Lebensraum für viele Vögel“, sagt er und hofft auf die Neuanpflanzung, auch von Rohrkolben.
Mit einer Harke angelt derweil Rolf Albert Pflanzen aus dem Wasser. In seiner Hand sortiert er Blätter und Stängel: „Hier, die Schmalblättrige Wasserpest verbreitet sich wie verrückt“, sagt er, „ein Kleinlaichkraut ist auch dabei.“ Weiter Richtung Falkendamm wird der Pflanzenteppich immer dichter. „Krauses Laichkraut und Fadenalgen“, sagt Rolf Albert.
„So schlimm habe ich das noch nie gesehen“, sagt Mentz auf Höhe des Bootsstegs und seufzt. Aus Sorge um den Fluss hat sie im Mai 2025 einen Antrag zur Wakenitzsanierung in den städtischen Umweltausschuss eingebracht. Inzwischen gab es das Go für erste Maßnahmen. Die Umweltbehörde wird Personal und Geld bereitstellen. Auch Fördermittel sollen eingeworben werden.
„Wichtig ist jetzt, dass es nicht bei dem Plan bleibt“, sagt die Politikerin, „sondern, dass auch konkrete Schritte folgen und Naturschutzgruppen, Landwirte, Angler, Lübeck Port Authority und vor allem zuständige Kreise und Landesministerien einbezogen werden.“ Dafür werde mehr Personal benötigt, betont sie. „Aktuell gibt es nur eine halbe Stelle für das äußerst komplexe Aufgabengebiet.“
Weiter zum Flussbad Falkenwiese. Dort steht Andreas Pawlowski vom Verein Naturbäder Lübeck auf dem Steg und berichtet: „Die Becken sind wesentlich voller mit Pflanzen,wir müssen noch öfter mähen als in den vergangenen Jahren.“ Zur Probe hat der Vorsitzende ein Schneidwerkzeug gekauft, das man im Boot hinterherziehen kann.
„Wir versuchen, damit den Schwimmerbereich so gut es geht freizuhalten. „Im Nichtschwimmerbereich arbeiten sie mit einer Sense. Beim Verein führt das zu Personalengpässen. „Wir müssen mehr Rettungsschwimmer bestellen, die dann aufpassen, während wir uns um die Entfernung der Pflanzen kümmern.“
Als sich die Bootscrew aus dem Bad verabschiedet, sind sich alle einig: Für die Wakenitz muss es schnell gehen. Sonst ist es zu spät.