Doch dank einer neuen Technik weiß der Autofahrer über den Absperrwagen bereits Bescheid. Ein leises Piepen und ein Schriftzug im digitalen Cockpit hinter seinem Lenkrad melden: „Baustelle voraus. 300 m.“ Das intelligente Auge, das Hindernisse früher erkennt als das menschliche und rechtzeitig informiert und Autofahrer warnt, nennt sich C-ITS. Das steht für kooperative intelligente Verkehrssysteme. Die neue Technik könnte Menschenleben retten und den Straßenverkehr verändern.
C-ITS auch für andereKeine sechs Wochen ist es her, da hatte ein 18 Tonnen schwerer Lkw auf der A23 bei Elmshorn einen Absperranhänger gestreift und war im Grünstreifen umgekippt. Ein Mitarbeiter der Autobahnmeisterei Elmshorn stand mit dem Anhänger auf dem Seitenstreifen. Nur durch „ganz, ganz viel Glück“ sei der Kollege körperlich „relativ gesund geblieben“, berichtet Carsten Butenschön, Direktor der Niederlassung Nord der Autobahn GmbH des Bundes.
Butenschön nennt eine Zahl, die hängen bleibt: Zehn Prozent aller Absperrtafeln würden pro Jahr durch Unfälle beschädigt. Mitarbeiter der Autobahn fänden sich „zum Glück“ nicht in der Statistik wieder. Doch bei der Thematik könne man sich nicht länger auf das Glück verlassen. Der Direktor betont: Eine Technik wie C-ITS müsse genutzt und ihre Existenz einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden.
„‚Pass auf dich auf und komm gesund wieder‘“
Deshalb informiert die Autobahn GmbH des Bundes bei sogenannten Roadshows über C-ITS. Auf dem Gelände der Autobahnmeisterei in Scharbeutz haben sich auch Vertreter des ADAC und der Polizei eingefunden. Wie die Arbeitsrealität auf der Autobahn aussehen kann, schildert Thomas Heinrich. Er ist bei der ADAC-Stiftung unter anderem mit dem Thema Sicherheit und Nachhaltigkeit betraut und setzt sich für eine Verbreitung von C-ITS ein.
„Ich habe mit Straßenwärtern gesprochen, die sagen: Meine Frau verabschiedet mich morgens mit den Worten: ‚Pass auf dich auf und komm gesund wieder‘. Das kann nicht sein.“ Heinrich zufolge würden viele Autofahrer Einsatzstellen zum einen oft gar nicht erkennen. „Zum anderen reagieren die Leute einfach nicht darauf, wenn sie eine Einsatzstelle sehen. Sie wechseln nicht die Fahrspur oder fahren langsamer.“
So funktionierenDabei würde laut Heinrich ein einfacher Perspektivwechsel die Erkenntnis bringen: Der Vorbeifahrende könne im Fall einer Panne selbst der nächste sein, der auf dem Seitenstreifen steht. „Jeder, der einmal auf dem Seitenstreifen einer Autobahn stand, weiß, dass das kein schönes Gefühl ist“, sagt Susanne Schulz von der Autobahn GmbH. Das Unternehmen hat 2021 einen Baustellenwarner für Verkehrsteilnehmer als europaweit ersten C-ITS-Dienst in Betrieb genommen.
Durch C-ITS können Fahrzeuge in Echtzeit über WLan mit Anhängern, Ampeln, entsprechend ausgestatteten Straßenschildern oder Absperrtafeln kommunizieren. Ausgestattete Fahrzeuge und Infrastruktur senden bis zu zehnmal pro Sekunde ihre Position und ihre Geschwindigkeit. Andere Verkehrsteilnehmer können anhand der Daten Warnungen vor Unfallstellen, Baustellen oder Stauenden erhalten – sofern sie über die Technik verfügen.
Warnung auchC-ITS kann Autofahrer auch herannahende Einsatzfahrzeuge der Polizei oder des Rettungsdienstes ankündigen. In diesem Fall schaltet das Warnsystem sowohl optisch als auch akustisch einen Gang hoch – die Schrift wird rot, es blinkt und das Signal wird lauter. Erkennt das intelligente Auge, dass ein Auto einem Polizeiwagen die Durchfahrt versperrt oder eine Rettungsgasse blockiert, wächst das Piepen zu einem schrillen Ton an und im Cockpit erscheint ein rotes Warnsignal.
Bislang ist nur eine vergleichsweise geringe Zahl der Fahrzeuge auf deutschen Straßen mit C-ITS-fähigen Diensten ausgestattet. Laut Heinrich hat Volkswagen die Technik mittlerweile europaweit bei rund 2,4 Millionen Fahrzeugen verbaut. Schulz erklärte, dass es grundsätzlich möglich sei, auch ältere Fahrzeuge entsprechend nachzurüsten.
Experte prangertGefahren für Arbeiter und Rettungskräfte auf den Autobahnen gingen zuletzt auch von einem Faktor aus, den selbst die beste Technik nicht alleine bewältigen kann. „Das Problem des rücksichtslosen Fahrens wird immer schlimmer“, sagt Dirk Putzer, Leiter der Autobahnmeisterei Neumünster, mit Blick auf eine mehr als 30-jährige Berufserfahrung: „Inzwischen scheint es fast normal zu sein, rechts zu überholen.“
Putzer hat bereits Unfälle mit Straßenwärtern miterlebt: „Ich sehe hier viele Leute in Orange. Eure Sicherheit ist das A und O. Seid verdammt vorsichtig, wenn ihr am Arbeiten seid.“ C-ITS soll künftig einen wichtigen Beitrag für ihre Sicherheit leisten.