Wie Travemündes alter Leuchtturmneu erstrahlen könnte
Das einstige Wahrzeichen hat seine Funktion längst verloren – Masterstudentin will sein Licht wieder leuchten lassen.

Masterstudentin Johanna Lofing aus Lübeck liebt den Blick von der Aussichtsplattform des Alten Leuchtturms auf die Trave-Mündung.Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck. Eigentlich sollte er der unangefochtene Blickfang Travemündes sein: der alte Leuchtturm, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1330 zurückreichen. 31 Meter hoch, hat er Stürme und sonstige Unbill überstanden. Doch 1972 traf ihn der „Todesstoß“ – nicht durch Naturgewalten, sondern durch Beton. Mit dem Bau des Maritim-Hotels wurde das historische Leuchtfeuer für die Schifffahrt unsichtbar, sein Betrieb nach 433 Jahren eingestellt. Heute steht das altehrwürdige Denkmal sprichwörtlich im Schatten seines gigantischen Nachbarn.

Wie sehr der Turm aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist, zeigte eine Umfrage der 23-jährigen Masterstudentin Johanna Lofing: „Es kam heraus, dass einige Menschen aus Lübeck den Leuchtturm hier noch nie richtig wahrgenommen haben, weil er inmitten der größeren Gebäude gar nicht so auffällt.“ Viele Einheimische, so das Ergebnis ihrer Befragung unter 50 Lübeckern und Travemündern, hätten durch die „touristische Überformung“ ohnehin eine gewisse Distanz zu dem Ort aufgebaut.

Die Sehnsucht

nach maritimer Identität

„Sie wünschen sich einen Ort, der konsumfrei ist, einen Ort, der sich mal wieder auf seine Ursprünge besinnt“, erklärt die junge Frau. Diese Sehnsucht nach maritimer Identität machte die gebürtige Lübeckerin, die an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe Innenarchitektur studierte und nun ihren Master in Kiel macht, zum Thema ihrer Bachelorarbeit. Ihr Ziel: die historische Wegmarke als Symbol für den baulichen Wandel an der Ostseeküste neu zu denken.

„Mein Entwurf interpretiert das alte Leuchtfeuer als neue, vertikale Lichtachse im Inneren des Turms und macht Geschichte, Bedeutungsverlust und Zukunftsperspektiven räumlich erlebbar“, beschreibt sie ihren konzeptionellen, fiktiven Ansatz. Während das Maritim heute das höchste Leuchtfeuer Travemündes trägt, soll der alte Leuchtturm seine „helle Stimme“ im Inneren zurückerhalten – in Form eines faszinierenden Lichtspiels.

Das technische Herzstück ihrer Idee ist inspiriert von einem echten Relikt: der „Otterblende“ aus dem Jahr 1876, die noch heute – ihrer Funktion beraubt – nutzlos im Turm ausgestellt ist. Sie gab in früherer Zeit dem Leuchtturm sein charakteristisches Lichtsignal. Lofing plant eine rotierende, lamellenartige Innenstruktur, die durch einen Getriebemotor angetrieben wird. „Diese Blende soll sich von Etage zu Etage verändern oder öffnen oder auch mal erstarren und dadurch den Rhythmus der Zeit widerspiegeln“, erklärt die 23-Jährige.

„Dadurch wird der Raum unterschiedlich illuminiert, mit Licht und Schatten. Die Idee ist, dass diese Lichtkegel, die entstehen, die Besucherinnen und Besucher durch den Leuchtturm hinaufführen“, erklärt sie. Um den strengen Denkmalschutz zu wahren und kostspielige Einschnitte in die historischen Deckenböden zu vermeiden, schlägt sie eine Andeutung der Lichtachse durch beleuchtete Acrylröhren vor.

Auf dem Weg nach oben sollen so illustrative Elemente auf Böden und textilen Hüllen die wechselvolle Geschichte Travemündes erzählen. Auf der obersten der insgesamt acht Ebenen könnten die Besucherinnen und Besucher dann in einem ruhigen, intimen Rahmen zusammenkommen und reflektieren. Der Nutzen eines solchen Umbaus liegt für die Studentin auf der Hand. Bisher gelte für viele Gäste: „Einmal den Leuchtturm hochgegangen, und man hat das Gefühl, man kennt alles.“

DAs Problem ist die

Umsetzbarkeit

Eine moderne, atmosphärische Lichtinstallation könnte nicht nur jüngere Menschen anlocken, sondern auch für Einheimische ihren Leuchtturm neu erlebbar machen. Angesichts der digitalen Navigation auf Schiffen sieht Lofing hier eine Blaupause für die Zukunft: „Wir werden immer mehr leerstehende Leuchttürme haben, die man neu denken könnte.“ Um das Erlebnis im schmalen Turm optimal wirken zu lassen, sieht ihr Konzept feste Buchungszeiten für maximal zwölf Personen vor, die den Aufstieg zeitversetzt beginnen.

Beim derzeitigen Leuchtturm-Pächter André Tams stößt die Bachelorarbeit grundsätzlich auf offene Ohren. „Ich empfinde es als schön, wenn sich Personen mit so einem Kulturgut beschäftigen und überlegen, wie man das noch besser greifbar und erlebbar machen kann“, lobt er. Das Problem sei jedoch stets die Umsetzbarkeit. „Und wir haben die Zuständigkeit des Denkmalschutzes und des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Das könnte schwierig werden“, kommentiert Tams. Tatsächlich hat sich die museale Ausstellung im Inneren des Gemäuers, das zuletzt 2004 für 250.000 Euro aufwendig saniert wurde, seit rund 20 Jahren kaum verändert. Auch wenn Johanna Lofings leuchtende Vision vorerst nur auf dem Papier existiert – sie hat bereits jetzt eine Diskussion darüber angestoßen, wie Travemünde sein wertvollstes historisches Erbe in die Zukunft retten könnte.

Derzeit hat der Leuchtturm täglich von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Im Juli und August öffnet er sogar schon um 11 Uhr. Erwachsene zahlen 4 Euro Eintritt, Kinder bis 14 Jahre 2 Euro. und MHO
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