Inschriften und Freskenmalereien für die Toten
Unter dem Nordturm von St. Marien erleuchten Scheinwerfer eine Baugrube. Hier arbeiten Joana Laura Noack und ihr Kollege Thai Nguy daran, alte biblische Inschriften und Malereien freizulegen, die den Toten mit auf den Weg gegeben wurden. „Man sieht hier zwei Gruftkammern. Die eine Gruftkammer ist sehr groß”, erläutert Grabungsleiter Jonas Stalfort. „Wir gehen Schicht für Schicht runter. Hier gibt es viel kalkhaltigen Schutt, mit Backsteinresten.“ Alles deutet darauf hin, dass hier mehrere Personen bestattet wurden. Womöglich handelt es sich um ein Familiengrab. „Durch den kalkhaltigen Schutt sind die Inschriften sehr gut erhalten“, erläutert sein Kollege André Dubisch. „Früher gab es solche Grüfte flächendeckend unter dem Kirchenboden“, so der Archäologe. „Wir gehen davon aus, dass die Grüfte oft sehr tief waren und die Toten auf Bretterlagen auch übereinander bestattet wurden.” Viele Gräber seien teilweise schon im 19. Jahrhundert leergeräumt, mit Sand und Schutt gefüllt und sogar zerstört worden.
„Die Malereien, die wir hier finden, sind in der Qualität, Form und Größe einmalig für Norddeutschland“, so Dubisch. Das sei ihm vom Lübecker Gruftforscher Andreas Ströbl bestätigt worden, der regelmäßig zu den Ausgrabungen kommt. „Die Funde zeugen von der sogenannten ‚hansischen Elite‘, die weit über den vermuteten Niedergang der Hanse hinaus Bestand gehabt hat. Wer sich im 17. Jahrhundert so eine Grabliege leisten konnte, der hatte Geld.” Über die Inschriften der Grabplatten und die Lage der Gräber erhoffen sich die Forschenden Informationen darüber, wer genau hier bestattet wurde.
So geht es weiter
Diese erste Grabungsphase geht noch bis Ende April. Weiter geht es dann ab Oktober, wenn die Kirche für den Einbau der Heizung geschlossen wird. Dann soll u.a. der Chorbereich archäologisch genauer untersucht werden. Danach wird sich zeigen, wie es mit den Ausgrabungen weitergeht und wie sie auch über die Baumaßnahmen in der Kirche hinaus sichtbar bleiben. „Viele Besucherinnen und Besucher sind begeistert und sehr interessiert an dem, was hier passiert“, sagt Marienpastor Robert Pfeifer. „Deswegen wäre es toll, wenn wir eine Form finden, das langfristig zugänglich zu machen.“