Wie ein ferngesteuertes Mini-Bootden Mühlenteich vermisst
Lübecker Geophysiker entwickelt Wasserdrohne – Hightech-Gerät zur Kartierung von Seen und Flüssen.

Sein autonomes Vermessungsboot kann Thomas Mommsen aus seinem Auto oder vom Schreibtisch aus steuern.
Lübeck. Wasserdrohnen sorgen derzeit vor allem durch ihren militärischen Einsatz im Schwarzen Meer oder in der Straße von Hormus für weltweite Schlagzeilen. Die unbemannten Kleinstboote rücken dadurch verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Das merkt auch Thomas Mommsen. Wenn der Wahl-Lübecker mit seiner selbst entwickelten Wasserdrohne im Mühlen- oder Krähenteich Testfahrten unternimmt, zieht er unweigerlich neugierige Blicke auf sich. „Immer wieder werde ich von Spaziergängern angesprochen und gefragt, was ich da eigentlich steuere“, berichtet der 33-Jährige. Die Antwort ist simpel, aber faszinierend: Es handelt sich um einen technisch innovativen Einsatz für die Gewässervermessung. Mommsens Drohne mit dem Namen „NaviBlue“ ist ein unbemanntes Überwasserfahrzeug, USV abgekürzt. Es ist vielfach zivil einsetzbar – für Wissenschaft, Bauplanung, Gewässer-Monitoring, Kartierung.

Friedliche Missionen

auf Seen und Flüssen

Der studierte Geophysiker, der hauptberuflich als Projektmanager in Rostock arbeitet, nutzt das Gerät, um Wassertiefen präzise zu bestimmen und den Grund von Seen und Flüssen zu kartieren. Solche Vermessungen sind für viele alltägliche Projekte unerlässlich: Wenn neue Steganlagen an einem Badesee gebaut werden sollen, Behörden überprüfen müssen, ob ein Gewässer versandet, oder Sand-Abnahmestellen überwacht werden. „Meine Firma hat eine Drohne für den Einsatz auf Nord- und Ostsee angeschafft. Dann habe ich mir gedacht, gerade für Seen und Flüsse ergibt das ebenfalls Sinn“, erzählt der gebürtige Niebüller. Perspektivisch lässt sich das System sogar mit einem sogenannten Seitensichtsonar ausstatten, um Oberflächen-Sedimente zu klassifizieren und Objekte wie beispielsweise versenkte Fahrräder aufzuspüren. Das Sonar-System erfasst zudem die Pflanzenwelt unter Wasser.

Ein Tüftler-Traum: Vom

Rumpf zum Hightech-Boot

Was „NaviBlue“ besonders macht, ist seine Entstehungsgeschichte. Mommsen hat das kleine, 1,20 Meter mal 90 Zentimeter große und 22 Kilogramm schwere Boot in rund 200 Arbeitsstunden in Eigenregie entwickelt. Den leeren Rumpf kaufte er bei einem US-Unternehmen, das technische Innenleben tüftelte er im FabLab Lübeck aus – einer offenen Werkstatt, die ihm das nötige Spezialwerkzeug und viel Know-how bot. Rund 20.000 Euro investierte er in sein Projekt, mit dem er sich Anfang 2026 im Nebengewerbe selbstständig machte. „Ich habe mit meinem Chef gesprochen, der da nichts gegen einzuwenden hatte“, sagt er. Trotz seiner kompakten Größe ist das Boot ein echtes Hightech-Wunder, das auch für technische Laien leicht zu verstehen ist. Es fährt komplett elektrisch, hat also keinen stinkenden Diesel- oder Benzinmotor und kann so die Süßgewässer nicht verschmutzen. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern macht auch die Genehmigung bei den Behörden viel einfacher. Gesteuert wird das Boot wie ein ferngesteuertes Rennauto – mit einer Art Spielkonsole. Es verfügt über einen eingebauten Computer, einen 5G-Router und sogar eine Starlink-Antenne für Satelliteninternet. Das bedeutet: Mommsen kann das USV theoretisch überall auf der Welt steuern, solange er eine Internetverbindung hat.

Eine hochpräzise GPS-Antenne auf dem Dach sorgt dafür, dass das Boot seine Position bis auf 1,5 Zentimeter genau kennt. Ein Autopilot hilft bei der exakten Navigation, während Kameras nach vorn blicken und das Sonar den Boden abtastet. All diese Kabel und Rechner sind in den Kufen wasserdicht verbaut – ähnlich wie bei professionellen Tauchrobotern. Der Akku reicht für acht bis zehn Stunden, bei einer Spitzengeschwindigkeit von ungefähr 9 km/h. „Für die Vermessung des Mühlenteichs habe ich so ungefähr drei bis vier Stunden gebraucht und für den Krähenteich drei Stunden“, weiß er zu berichten. Mommsens Vision für die Zukunft ist ein extrem effizientes Arbeiten: Landvermesser nehmen das kompakte Boot im Kofferraum ihres Autos mit zu einem Einsatzort. Während sie an Land ihre klassischen Messungen mit GPS-Geräten durchführen, setzen sie „NaviBlue“ einfach ins Wasser.

Zukunft der Vermessung:

Arbeitsteilung aus der Ferne

Der gebürtige Nordfriese sitzt derweil bequem zu Hause in Lübeck am Computer und steuert die Drohne aus der Ferne über den See. Sollte die Internetverbindung dennoch einmal abreißen, können die Kollegen vor Ort das kompakte Boot einfach mit einem Kanu wieder ans Ufer holen. Dieses System spare laut Mommsen enorm viel Zeit und Geld. Anstatt schwere bemannte Boote mit Anhängern und Kränen aufs Wasser bringen zu müssen, reiche nun ein Kofferraum und ein Knopfdruck. Es sei ein friedlicher technologischer Fortschritt, der zeige, wie Drohnen unseren Alltag im Verborgenen positiv verändern können. und MHO

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