Stadtentwicklerin Sophie May von der Hamburger Agentur Stadtmanufaktur empfahl, nicht nur auf Großprojekte zu setzen, deren Umsetzung oft Jahre dauere. Sie legte Lübeck eine „1000 Needles Strategy“ nahe. Das bedeutet: Viele kleine, leicht umsetzbare Projekte können die Innenstadt beleben. Und das mit sofortiger Wirkung. Denkbar seien Straßenkunst, Spielgeräte oder Urban Gardening. Münster hätte einfach Stühle auf den Domplatz gestellt. „Ideen können temporär erprobt werden“, sagte sie.
Innenstadt war in den
Siebzigern ein Armenhaus
Stadtökonom Frank Müller-Horn ist 1973 nach Lübeck gekommen. Die Innenstadt sei damals ein Armenhaus gewesen, sagte er. Viele Gebäude waren baupolizeilich gesperrt, andere überbelegt. Heute sei das Bild ein ganz anderes. Es gebe in der Altstadt hochpreisige Wohnungen. Seine Prognose für die Zukunft: Die Wohnnutzung werde stabil bleiben, die Kultur eher expandieren, der Dienstleistungsbereich wegen der KI-Nutzung zurückgehen, und auch beim Handel müssten Abstriche gemacht werden. „Die Altstadt wird aber immer ein Einzelhandelsstandort bleiben.“
Dort seien jedoch alle ausgesperrt, die kein Geld ausgeben wollen. Es müsse Angebote für Menschen geben, die nichts kaufen möchten. Das Übergangshaus, wo Menschen sich ohne Konsumzwang aufhalten konnten, sei zukunftsweisend gewesen.
Bildungshaus
als Wohnzimmer?
Grünen-Co-Fraktionschef Axel Flasbarth, der die Veranstaltung zusammen mit Sophia Marie Pott moderierte, verwies darauf, dass das ehemalige Übergangshaus jetzt zum Bildungshaus umgebaut werde. Dort sind Bereiche für kulturelle und öffentliche Veranstaltungen geplant. „Das Erdgeschoss wird idealerweise ein weiteres Wohnzimmer der Lübecker.“ Vom Rahmenplan Innenstadt, der 2019 mit breiter Bürgerbeteiligung erstellt worden war, sei bislang nur die Stadtgrabenbrücke realisiert worden. Der Umbau der Beckergrube sei in Arbeit. Das sei zu wenig, findet er.
Auch Inga Mueller-Haagen, Vorsitzende des Lübecker Architektur-Forums, würde sich wünschen, dass die Umsetzung schneller gehe. „Wir müssen an mehr Orten gleichzeitig ins Machen kommen und brauchen viel mehr Breite.“ Sie lobte den Verkehrsversuch in der Beckergrube, den es vor dem Umbau gegeben hatte. Dieser sei einfach gestrickt gewesen, habe aber signifikante Verbesserungen gebracht. „Ich würde mir wünschen, dass wir weiter so agieren.“ Für temporäre Lösungen seien aus ihrer Sicht auch die Holstenstraße und der Krähenplatz geeignet.
„Wir dürfen nicht vergessen, wie gut unsere Ausgangslage ist“, sagte sie. 14.000 Menschen wohnten in der Altstadt. „Das ist ein Pfund.“ Es gebe eine Nutzungsvielfalt aus Handel, Cafés und Kultur. Die strukturellen Probleme seien nicht lübeckspezifisch.
Kritik an
Kaufland-Projekt
„Wir werden noch in vielen Jahren eine schöne Innenstadt haben, die aber anders sein wird als heute“, sagte Olivia Kempke, Geschäftsführerin des Lübeck Managements. Sie beschrieb die Altstadt als einen Diamanten, dem die nötige Wertschätzung abhanden gekommen sei. „Innenstädte sterben nicht an Amazon, sondern an Zielkonflikten und einer mangelnden Haltung.“ Konzepte wie der Rahmenplan Innenstadt sollten die City stärken. Stattdessen habe sich die Politik jetzt mit der Kaufland-Ansiedlung auf dem ehemaligen Schlachthofgelände für eine Ausweitung dezentraler Standorte entschieden. „Man sollte sich an Papiere halten“, sagte sie. Der Einzelhandel brauche eine hohe Aufenthaltsqualität. Der Umbau der Beckergrube habe jetzt schon positive Auswirkungen. Es gebe ein großes Interesse an Flächen. Es sei bereits klar, dass drei Leerstände in der Beckergrube wieder belegt würden.
Leif Ginap, Inhaber von Betten Struve und erster stellvertretender Vorsitzender des Lübeck Managements, verwies auf andere Städte wie Aarhus oder Kopenhagen, wo zwar alle Verkehrsteilnehmer zugelassen, die Prioritäten aber anders geordnet seien.
„In Lübeck hält sich niemand an Verkehrsschilder“, sagte der Geschäftsmann, der täglich die Situation an der Königstraße beobachtet. Das ließe sich baulich unterbinden. „Leute, die nur durchnageln, braucht niemand.“
Auch die bis zu 71 Busse pro Stunde in der Wahmstraße seien kein Spaß. „Wollen wirklich alle Fahrgäste in die Stadt?“, fragte sich Leif Ginap. „Auch hier hätten wir uns gewünscht, dass etwas Neues ausprobiert wird“, sagte Inga Mueller-Haagen. So könnten Buslinien testweise auch um die Altstadt herumgeleitet werden.
„Wir müssen anfangen, mutig zu sein und auch unbequeme Entscheidungen zu treffen“, resümierte Axel Flasbarth die Debatte. Angesichts der Finanzlage der Stadt seien temporäre Maßnahmen dabei das Mittel der Wahl.