Eine Seelsorgerin,
die weiß, wie sich Leid anfühlt
Fünf Jahre lag Petra Fiebelmann selbst im Krankenhaus – Heute spendet
die neue Seelsorgerin am UKSH Lübeck schwerkranken Menschen Trost.

Im Raum der Stille zündet Petra Fiebelmann eine Kerze an.Foto: Lutz Roeßler
Lübeck. Spalier stehen am Fahrstuhl und leuchtende Herzluftballons in einem funktionalen Klinikflur: Wenn Petra Fiebelmann an ihr bisher bewegendstes Erlebnis am Lübecker Uniklinikum zurückdenkt, erhellt sich ihr Gesicht. „Eine Patientin hat hier geheiratet“, erzählt sie. Die Krankenhausseelsorgerin stellte für die standesamtliche Trauung eigens den Raum der Stille im Klinikum bereit, Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Bekannte bildeten das festliche Spalier. Es war ein Moment voller Liebe inmitten schwerer Krankheit, erinnert sie sich.

Wie es der Patientin heute geht? Petra Fiebelmann weiß es nicht. Sie blickt nachdenklich, ihre Augen ruhen für einen Moment auf dem Tisch vor ihr. Es sind genau diese Extreme zwischen Leben, Liebe und nahendem Tod, die ihren Alltag nun prägen. Mit einem feierlichen Sendungsgottesdienst im Hamburger St.-Marien-Dom wurde sie offiziell als Abgesandte des katholischen Erzbistums für ihren Dienst als Gemeindereferentin beauftragt.

Im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein an der Ratzeburger Allee begleitet sie Menschen in hochkomplexen Lebenssituationen. Dass sie ein so tiefes Verständnis für die Nöte der Patientinnen und Patienten aufbringt, ist kein Zufall. Sie kennt die Perspektive derer, die im Zimmer auf Station liegen. Im Alter von zweieinhalb Jahren erkrankte sie an Diabetes. Humaninsulin gab es damals nicht, sie wurde mit Schweine- und Rinderinsulin behandelt. „Viele Kinder, die ich aus den sommerlichen Diabetikerlagern in der Schweiz kannte, starben in diesen Jahren“, sagt sie leise.

Mit 20 Jahren wurde ihr Körper immun. Die Folge: Die junge Frau wurde auf eine harte Probe gestellt. Sie erlitt innere Blutungen, musste an die Dialyse und verbrachte zwischen ihrem 20. und 25. Lebensjahr fünf volle Jahre fast durchgehend in der Uniklinik Freiburg. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind fragmentarisch.

„Ich war über lange Strecken gar nicht ansprechbar“, berichtet sie im Gespräch mit den Lübecker Nachrichten. „Die Klinik hielt mich am Leben, bis endlich das Humaninsulin auf den Markt kam.“ Diese Erfindung war existenziell. Zurück blieben eine starke Sehbehinderung und eine limitierte Lungenkapazität. „Ich bin körperlich stark eingeschränkt“, sagt die Anfang-60-Jährige unumwunden.

Und doch strahlt sie eine zu bewundernde, immense innere Ruhe aus. „Der Glaube hat mir geholfen, damit zu leben.“ Ihre Krankheitserfahrung ist heute ihre Stärke. Das barrierearme Klinik-Umfeld gibt ihr eine Sicherheit, die sie auf Patienten überträgt.

Ihre eigene tiefe Glaubensprägung begann im italienischen Ispra am Lago Maggiore. Dorthin war ihr Vater, ein Aachener Diplomingenieur, an das europäische Forschungszentrum gezogen. Sie wuchs als Deutsche in Italien auf. Jeden Abend, so erinnert sie sich mit einem warmen Lächeln, betete die Mutter mit den Kindern, zeichnete ihnen ein Kreuz auf die Stirn und deckte sie warm zu. „Daraus blieb mir ein Gottesbild von Geborgenheit, Schutz und Gegenwart.“ Einen strafenden Gott habe sie nie kennengelernt.

Der Weg zur Seelsorgerin war dennoch nicht vorgezeichnet. Nach den langen Klinikjahren stand sie ohne Ausbildung da. Eine Umschulung machte sie zur Hotelkauffrau. Danach arbeitete sie 22 Jahre in einer Reiseagentur. Durch Wochenenddienste riss der Kontakt zur Kirche zunächst ab, doch ein freier Sonntag brachte sie in die Gemeinde zurück.

Sie entdeckte, dass Frauen in der Kirche Verantwortung übernehmen können. Die ehrenamtliche Arbeit in der Pfarrei ließ sie aufblühen. „Im Alter von 57 Jahren stellte ich fest, dass ich 100 Prozent in der Firma und gefühlt 100 Prozent in der Kirche arbeitete. Ich musste mich entscheiden.“ Sie studierte nebenberuflich Theologie – teils in der Mittagspause – und wurde Gemeindereferentin.

Über Stationen in München und einer Privatklinik in Bad Kissingen führte ihr Weg nach Lübeck. „Die Verbindung von Krankenhausseelsorge, Ethikkomitee und Ethik-Ausbildung hat mich sofort angesprochen.“ Heute bildet sie mit den evangelischen Kolleginnen, Pfarrerin Anne Wehrmann-Kutsche und Diakonin Cordula Zimmer-Kirchhoff, ein Team im UKSH.

Zu Fiebelmanns Aufgaben gehören neben den Patientenbesuchen auch die Mitarbeit im Ethikkomitee. Darunter fallen Ethikvisiten auf Intensivstationen oder Ethikfallbesprechungen. Wieder wirkt sie sehr konzentriert, als sie diesen Prozess beschreibt.

„Wir vom Ethikkomitee verstehen uns dabei als zusätzlichen und neutralen Faktor von außen. Wir öffnen den Raum für Reflektion und eine Standortbestimmung.“ Entscheidend sei immer die Perspektive des Patienten, sagt sie.

Der Beruf fordert viel, auch durch nächtliche Bereitschaftsdienste für den Sterbesegen. „Professionalität bedeutet auch, Themen am Ort zu belassen und nicht persönlich mit nach Hause zu nehmen“, betont sie.

Und wenn Schicksale doch nachwirken? „Stille, Gebet und mein kleiner Garten dienen der Regeneration. Die Gartenarbeit hilft enorm beim Abschalten“, sagt sie. Kraft schöpft sie zudem in der St.-Vicelin-Gemeinde. Vor allem aber ist es das feste Vertrauen in Gottes Begleitung, das Petra Fiebelmann Halt gibt – und sie jeden Tag aufs Neue mit offenen Ohren und einem tiefen Verständnis für menschliches Leid ans Krankenbett treten lässt.

und MHO
Druckansicht