Alles ist gut. Bis das Telefon klingelt. Es ist eine Mitarbeiterin des UKSH. „Ihr Mann ist während der Untersuchung verschwunden. Wir überlegen, die Polizei zu rufen.“ Anne B. ist verwundert. „Wieso? Er ist doch zu Hause?“
Fünf Jahre ist dieser Tag her. Anne B. sitzt am Küchentisch in ihrem Haus in Eutin, als die 78-Jährige über das Erlebte berichtet. Sie seufzt leise. „Die Alarmglocken haben nicht geschrillt. Ich habe gedacht, das ist ja eine riesige Klinik, und für ältere Menschen ist es schwer, sich dort zurechtzufinden.“ Erst im Nachhinein sei ihr klar geworden, dass dies der erste Moment war, in dem sich die beginnende Demenz ihres Mannes gezeigt hat.
Doch zunächst überlagern andere Probleme ihr Leben. Franz B. ist alles andere als gesund. Er erkrankt an Krebs, muss zur Behandlung ins Krankenhaus. Es gelingt den Ärzten und ihrem Mann, den Krebs zu besiegen.
Doch die Verwirrung bleibt – und wird schleichend schlimmer. Trotzdem dauert es fünf Jahre, bis 2025, bis eine Onkologin bei Franz B. das erste Mal von Demenz spricht.
Anne B. schluckt. „Ich habe mir immer gesagt, er ist nur tüttelig geworden, und gedacht, ich schaffe das alleine. Ich habe die Augen vor der Wahrheit verschlossen.“ Im Internet habe sie gelesen, dass es keine Mittel gebe, Demenz aufzuhalten. Ein Neurologe habe ihr erklärt, dass es aber die Möglichkeit gebe, den Verlauf zu verlangsamen. „Jetzt fühle ich mich schuldig, weil ich nicht früher Hilfe in Anspruch genommen habe.“
Es ist einer der Gründe, warum die Seniorin heute von ihrer Geschichte erzählt. Der andere: „Ich bin nicht die Einzige in dieser Lebenssituation. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass viele Menschen Ähnliches empfinden und erleben wie ich. Und sie sollen wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind.“
2011 hatte das Paar noch mal neu gebaut. Ein ebenerdiges, barrierefreies Haus, Erdwärmepumpe, automatische Lüftung. „Wir haben alles so geplant und bedacht, dass wir hier unseren Lebensabend verbringen und gemeinsam irgendwann zu Staub zerfallen.“ Anne B. lacht. Ein wenig Bitterkeit liegt darin, aber auch Entschlossenheit. Sie ist nicht bereit, diesen Plan aufzugeben. „Wir haben uns ja mal ein Versprechen gegeben, in guten wie in schlechten Tagen zusammenzuhalten. Das möchte ich einlösen.“
Dieses Ziel zu erreichen, ist mehr als eine Herausforderung. Franz B. ist jetzt 82 und die Demenz weit fortgeschritten. Oft findet er sein Zimmer nicht mehr. Manchmal denkt er, er halte Kaninchen auf dem Dachboden. Er diskutiert mit Menschen im Fernsehen. Er hält seine Ehefrau für seine Mutter. „Oder ich bitte ihn, seine Jacke anzuziehen – und er zieht sich bis auf die Unterhose aus“, berichtet Anne B. „Als er sich dann fünfmal ausgezogen hat, bin ich ungehalten geworden – obwohl ich das gar nicht wollte.“
Einmal habe er sich auf den Boden gesetzt und sei nicht mehr aufgestanden. „Bitte steh doch auf, habe ich gesagt, aber er hat es einfach nicht gemacht. Dabei sollte er sich nur in seinen Sessel setzen.“
Franz B. ist viel größer als seine Frau. Wenn er nicht will, kann sie nichts tun. Dann bleibt er auf dem Boden sitzen. „Manchmal ist es zum Lachen und manchmal zum Weinen“, sagt Anne B. „Dazwischen bewegt sich alles.“
Anne B. sagt, sie vermisse es, mit ihrem Mann gemeinsam die Zeitung zu lesen und über Politik zu sprechen. „Hast du das gelesen?“ Dieser Satz fiel früher oft, und dann haben sie diskutiert. Anne B. möchte mit ihrem Mann reden und nicht über ihn. Doch das geht nicht mehr. „Er versteht mich nicht mehr.“
Zu Dorffesten gehen sie nicht mehr. „Ich möchte nicht, dass ihn jemand etwas fragt, und er erzählt dann Unsinn“, sagt Anne B. Nicht, weil es ihr peinlich wäre, ihr wäre es egal. Er sei im Ort bekannt, habe immer selbstbestimmt gelebt. „Es geht mir um seine Würde, die möchte ich ihm bewahren“, erklärt die 78-Jährige. „Ich möchte nicht, dass die Leute schlecht über ihn reden.“
Das bedeutet, dass auch sie selbst wenig Möglichkeiten hat, über das zu reden, was sie bewegt. Natürlich gebe es Selbsthilfegruppen. „Aber die treffen sich um 16 Uhr, wenn er aus der Tagespflege kommt, und ich kann ihn ja schlecht mitnehmen.“
Es wird nicht besser werden. Der Zustand ihres Mannes wird sich weiter verschlechtern. Vielleicht wird es einen Moment geben, in dem es die richtige Entscheidung wäre, wenn Franz B. in ein Pflegeheim für Demenzkranke umzieht. Besser für ihn und für seine Frau.
Doch daran möchte Anne B. nicht denken. Das hängt auch mit ihrer Vergangenheit zusammen. Tränen treten in ihre Augen. „Ich habe damals meinem Vater versprochen, dass ich bei ihm bin, wenn er stirbt, und meine Mutter hat mich daran gehindert. Das lässt mich nicht los.“ Dieses Mal soll es anders werden. „Ich möchte, dass mein Mann bleibt, bis es zu Ende geht. Das ist mein Wunsch.“