Denn normalerweise stehen die beiden Jungs nicht regelmäßig auf dem Surfbrett, sondern auf dem Tennisplatz. Auch dorthin folgte Constantin seinem Bruder. Der jüngere Kästner ist in dem Sport inzwischen eines der größten Talente Norddeutschlands, wahrscheinlich sogar der Bundesrepublik: In den vergangenen Jahren räumte der Schüler einen Titel nach dem anderen ab. 2024 wurde er in seiner Altersklasse Deutscher Meister im Einzel, 2025 im Doppel und 2026 sowohl Zweiter im Einzel als auch Meister im Doppel.
Die Brüder wetzen Bällen schon hinterher, seit sie laufen können. So berichtet es ihre Mutter, Susan Kästner. Ins Rollen kommt alles durch den Vater. Alexander Kästner hat eine Tennisausrüstung im Haus der Familie in Eutin – durch seine eigene Leidenschaft für den Sport. Die Bälle mit Signalfarbe wecken schnell das Interesse seiner Söhne. Bis heute steht Alexander Kästner oft zusammen mit Constantin und Maximilian auf dem Court, ist für die Jungs Vorbild, Förderer, Forderer und bittet dennoch manchmal um „altersgerechte Bälle“.
Wimbledon? –
„Das ist große Kunst“
Im Alter von drei und fünf Jahren machen Constantin und Maximilian ihre ersten Versuche im Tennis. „Wir haben damals einen Trainer gefunden, der das spielerisch mit den Jungs gemacht hat“, berichtet ihre Mutter. Das heißt: „Wenn die Aufmerksamkeit nachgelassen hat, dann haben sie eben Fußball gespielt.“ Fußball spielen die Kästner-Jungs jeweils bis zum zwölften Lebensjahr parallel zum Tennis bei der BSG Eutin, teils in derselben Mannschaft.
Doch der Schlägersport hat schon damals Vorrang. Als schließlich eine Entscheidung zwischen der Leder- und der Filzkugel hermuss, fällt sie leicht. „Du hast beim Tennis einen direkteren Einfluss darauf, ob du gewinnst oder verlierst. Das hat mich gereizt: Du hast es komplett in der eigenen Hand“, sagt er. Was ihn an dem Sport motiviere? „Die Freude kommt schon durch den Erfolg, aber nicht ausschließlich“, sagt er. „Es reicht manchmal auch einfach das Gefühl, das tun zu können, was man bei den großen Turnieren im Fernsehen sieht. Wimbledon zum Beispiel. Das ist große Kunst.“
Tennis bestimmt den Alltag der Familie. Am Montag und Dienstag hat Constantin mit seinem Bruder Training bei Tennis-Coach Maik Schürbesmann in Grömitz. Am Mittwoch absolvieren die beiden Athletikeinheiten mit Julian Poltrock in Eutin. Donnerstag geht es zum Verbandstraining nach Wahlstedt im Kreis Segeberg, und am Wochenende stehen oft Ranglistenturniere in anderen Bundesländern an, die je nach Abschneiden von Freitag bis Sonntag dauern können.
„Der Spaß muss immer
an erster Stelle stehen“
Das heißt für Constantin: Wenn der Unterricht an der Johann-Heinrich-Voß-Schule in Eutin vorbei ist, dockt der Teenager oft nur zu Hause an, isst, nimmt einige Schulsachen gleich wieder mit ins Auto und lernt auf dem Weg zum Training. Die Wochen im Rhythmus des Leistungssports würden zwar schon „Verzicht in einigen Dingen“ bedeuten, sagt Susan Kästner. Doch im Vergleich zu anderen Top-Talenten im Land sei der Alltag von Constantin noch wenig durchgetaktet.
„Der Spaß muss immer an erster Stelle stehen, und die Jungs müssen es selbst wollen“, betont die Mutter. Wichtige Geburtstage, Treffen mit Freunden, Skifahren zu Ostern, wenn andere die Sandplatzsaison vorbereiten – für diese Dinge rückt Tennis im Leben des Eutiner Talents auch mal in den Hintergrund. Dann planen die Kästners am Wochenende kein Turnier ein. Weiteren Ausgleich findet Constantin beim Angeln oder neuerdings eben beim Surfen. „Die beiden sitzen auch mal vor dem Computer, wie das Jungs in dem Alter eben tun“, sagt die Mutter.
Die sorgsam bewahrte Leichtigkeit zeigt sich bei Constantin im Training. Da blitzen Fähigkeiten durch, die das Talent von anderen abheben. „Wenn wir im Training manchmal einfach nur Cross spielen und es ihm zu langweilig wird, dann spielt er irgendwann einfach einen Stop“, sagt Maximilian und meint damit: Wenn dem Bruder die normalen, diagonalen Ballwechsel zu öde werden, spielt er plötzlich einen anspruchsvollen Stoppball, auch Drop Shot genannt, bei dem der Ball mit wenig Geschwindigkeit und viel Unterschnitt kurz hinter dem gegnerischen Netz landet.
Ob sein Bruder ein Talent sei? Maximilian schaut Constantin an, blinzelt kurz: „Ja, auf jeden Fall. Aber was ihn vor allem auszeichnet, ist sein Charakter.“ Und andersherum? „Der ist ein Arbeiter“, sagt Constantin über seinen älteren Bruder. „Er trainiert mehr als ich und spielt wie aus dem Lehrbuch, während ich manchmal mein eigenes Ding mache.“
Sein ganz eigenes Ding, macht Constantin Kästner derzeit auf europäischer Bühne. Als nur eines von vier Talenten seiner Altersstufe wurde der Eutiner vom Deutschen Tennisbund für die Junioren-Europameisterschaft in Tschechien nominiert, die noch bis zum morgigen Sonntag, 26. Juli, läuft.