„Was ist eigentlich mit den Jungs?“, fragte sich der Mediziner vor mehr als 15 Jahren. Denn zu dieser Zeit waren es zum Großteil Mädchen, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Diakonie Nord Nord Ost stationär aufgenommen wurden.
Gezielte Hilfe für psychisch kranke Jungen
Um Jungen mit psychischen Erkrankungen gezielt zu helfen, wurde für sie im Jahr 2010 mit „Poseidon“ eine eigene Station eröffnet. „Seitdem nehmen wir dort 13 bis 18 Jahre alte Jungs auf. Unsere Patienten leiden beispielsweise unter Depressionen, Ängsten, Suizidgedanken, können schwer mit Wut umgehen oder haben eine Borderline-Symptomatik“, erklärt der 60-jährige Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Zum 15. Geburtstag der Station luden Soyka und sein Team jetzt zu einem Symposium ein. Sie fordern: „Auch oder gerade bei Jungs dürfen psychische Erkrankungen nicht weiter stigmatisiert werden. Alte Rollenbilder von Männern hindern junge Betroffene, sich zu öffnen und für professionelle Unterstützung überhaupt bereit zu sein.“
Psychische Erkrankungen würden bei Jungen weiterhin oft erst deutlich später erkannt als bei Mädchen, sagt Soyka. Die Gründe dafür seien vielfältig. Zum einen hielte sich hartnäckig das überholte Rollenbild des stets starken Mannes oder Jungen, der ungern über Gefühle spricht. Zum anderen reagieren Jungs oft anders auf psychosoziale Belastungen (wie Stress in der Schule oder im Elternhaus), die unter Umständen psychische Erkrankungen im Jugendalter auslösen können.
„Mädchen mit psychischen Problemen ziehen sich häufig zurück. Jungs reagieren oft expansiv – sie greifen zu Alkohol oder Drogen oder werden gewalttätig. Und oftmals wird nicht erkannt, dass eine psychische Erkrankung dahinter steckt“, erläutert Soyka.
Patienten lernen, mit
Gefühlen umzugehen
Die meisten Patienten verbringen vier Monate auf der Station „Poseidon“. Die Therapeuten arbeiten mit den Jugendlichen daran, „sich selbst besser einschätzen und steuern zu können und entsprechende Fertigkeiten zu entwickeln – zum Beispiel in Bereichen wie Stresstoleranz, Achtsamkeit und Selbstwert“, sagt Sonia Ludewig, Leitende Psychologin auf der Station. Kernstück der Arbeit mit den Jugendlichen sei „das Erlernen eines adäquaten Umgangs mit ihren Gefühlen“.
Die Gründe und Wege, wie und warum die jungen Patienten den Weg zur „Poseidon“ finden, sind vielfältig. Eines „eint sie auf dramatische Weise“, sagt Therapeut Henning Vogt: „Ihr Leben ist so, wie es jetzt gelebt wird, schmerzhaft und schwer erträglich.“ Die Patienten müssten lernen, neue Verhaltensweisen zu etablieren.
Die Station verfügt über zehn stationäre und zwei tagesklinische Behandlungsplätze. Seit 2024 gilt das Angebot auch für Transgender-Jugendliche. Viele Patienten profitierten sehr von den Gruppen-Angeboten. „Da wir Jugendliche mit unterschiedlichen Störungen aufnehmen, treffen Patienten mit impulsivem Verhalten auf eher ruhigere Jungs mit ängstlicher oder depressiver Symptomatik. Das ist für alle Seiten oft lehr- und hilfreich“, betont Sonia Ludewig.
Wartezeiten
variieren
Wie lange die jungen Menschen auf einen Platz auf der Station „Poseidon“ warten müssen, ist sehr unterschiedlich. „Mal kann es ganz schnell klappen, mal dauert es etwas länger“, sagt Oliver Soyka. Von Wartezeiten von bis zu einem Jahr sei man aber weit entfernt.