Birken, Linden, Buchen, Walnuss, Eichen. Darunter stehen Humke und Heike Baumann aus der Umweltabteilung der Gemeinde Ratekau. In Grüppchen sind die Bäume auf der etwa ein Hektar großen Fläche am Stückerbusch gepflanzt worden. Sie und viele weitere Pflanzen im Medizinwald haben heilende Kräfte.
„Der Wald ist dazu gedacht, Medizinpflanzen erlebbar und greifbar zu machen“, erklärt Humke die Idee dahinter. „Die Leute sind eingeladen, etwas zu ernten“, ergänzt Baumann. „Vielleicht mal einen Tee daraus kochen oder eine Tinktur herstellen.“
Die Initiative kam vor 16 Jahren von Humke. Die Allgemeinmedizinerin machte eine Ausbildung zur Phytotherapeutin. Phytotherapie bedeutet Pflanzenheilkunde. Auf Grundlage ihrer Abschlussarbeit entwickelte Humke das Konzept für den Medizinwald.
Der damalige Ratekauer Umweltamtsleiter Jürgen Leicher ermöglichte die praktische Umsetzung des Projektes und bot dafür eine Wiese der Gemeinde an. Die Wiese war eine Ausgleichsfläche für das Gewerbegebiet Zeiss-Straße. Die offizielle Trägerschaft für den Medizinwald übernahm der Umweltschutzverein Sereetz (USV). Fördermittel kamen von der Umweltlotterie Bingo Lotto.
Zu finden ist das junge Wäldchen, wenn man aus Ratekau am Dorfmuseum vorbei in Richtung Techau fährt, und gleich links in den Weg Stückerbusch abbiegt. Auf der linken Seite beginnt der Medizinwald hinter einem hölzernen Gatter. Dort, wo 2010 rund 30 Helferinnen und Helfer 215 Setzlinge in die weitgehend kahle Erde der Wiese setzten, präsentiert sich heute ein blühendes Wäldchen. Schlehe, Hundsrose und Weißdorn tragen bunte Früchte. Insgesamt wachsen hier 18 verschiedene Baum- und Straucharten.
Ein Lehrpfad führt durch den Wald hindurch: An den einzelnen Pflanzengruppen stehen Schilder, auf denen die medizinische Wirkung und die Verwendung aufgeführt sind. Diese basieren auf der Kommission E, wie Humke betont – das ist ein Sachverständigengremium beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, welches bei Zulassungsentscheidungen für pflanzliche Arzneimittel berät.
Die Schilder wurden gerade erst ausgetauscht. Ein Tee aus Lindenblüten hilft gegen Erkältungen, ein Bad mit Eichenrinde gegen Fußpilz, und Birkenblätter wirken harntreibend, was beispielsweise bei einer Blasenentzündung die Genesung fördert. Außerdem lesen die Besucherinnen und Besucher interessante Hintergrundinformationen. Der Schwarze Holunder ist etwa Holla, der Göttin der Erde, geweiht. Und: „Neben dem schützenden Aspekt gilt die Pflanze als Hüter zur Unterwelt und des Todes.“
Zu ernten gibt es nicht nur Blätter, Blüten und Rinde. Auch Äpfel, Birnen, Kirschen und Walnüsse gibt der Wald her. Baumann und Humke wünschen sich, dass Besucher nur so viel nehmen, wie sie brauchen. Das habe in den vergangenen Jahren gut funktioniert. Interessierte können regelmäßig an Pflanzen-Workshops mit der zertifizierten Natur- und Landschaftsführerin Iris Bein teilnehmen.
Auch ein Wildbienenpfad mit Bienenhotel führt durch das Wäldchen. „Viele andere Tiere fühlen sich hier aber auch wohl“, erzählt Baumann. Unter anderem die seltenen und gefährdeten Zauneidechsen. Das liegt sicherlich auch an der Ruhe im Wald.
Bis auf die regelmäßige Pflege der Wege durch den Bauhof wird der Wald sich weitestgehend selbst überlassen. Kitas würden den Medizinwald regelmäßig besuchen, erzählen Humke und Baumann. Inspiriert von Ratekaus Naturapotheke sei 2011 auch in Ratzeburg ein Medizinwald ins Leben gerufen worden.