Auch Totholz ist nicht leblos
Sogenannte Habitatbäume sind ein wertvolles Ökosystem – Infotafeln klären jetzt darüber auf.

Tobias Guillaume, Vorarbeiter in der Baumkontrolle, bringt das Schild „Habitatbaum“ am Torso einer Esche an. Es ist die erste dieser Infotafeln in Lübeck. Der Baumrest befindet sich auf einer Grünfläche am Gustav-Radbruch-Platz.
Lübeck. Björn Peters vom städtischen Bereich Stadtgrün steht auf der Grünfläche am Gustav-Radbruch-Platz. Vor ihm ragt der mächtige Stumpf einer Esche in die Höhe. Der einstige 30 Meter hohe Baumriese hatte einen Pilzbefall und musste radikal gestutzt werden. Der etwa zehn Meter hohe Stammrest ist aber nicht wertlos. Im Gegenteil. Er ist ein „Habitatbaum“ und wird jetzt als wertvoller Bestandteil des städtischen Ökosystems verstanden.

„Auf den ersten Blick sieht der Baum fast abgestorben aus“, sagt der Baumsachverständige, „aber tatsächlich bietet er wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier-, Pflanzen- und Pilzarten.“ Daher investiert die Stadt nicht nur in die Pflege gesunder Bäume, sondern rückt auch den besonderen Wert von Habitatbäumen und Totholz in den Fokus. Um das Bewusstsein für diese oft verborgenen Lebensräume zu stärken, bringt die Stadt jetzt an ausgewählten Habitatbäumen Infotafeln an.

Die Tafeln verweisen auf die ökologische Bedeutung alter und auch abgestorbener Bäume. Denn laut Peters ist auch Totholz alles andere als leblos. Kurz nach dem Absterben besiedeln Käfer, Holzwespen und andere Arten das Holz. Die Fraßspuren schaffen Lebensräume, unter anderem für weitere Insekten. Daraus entwickelt sich ein komplexes Ökosystem. Am Ende entsteht neuer Humus, der wiederum das Wachstum künftiger Pflanzen fördert.

Weil alte und mittelalte Straßen- und Alleebäume ein so wichtiger Teil des Ökosystems sind, sollen sie laut Stadt langfristig erhalten bleiben. Auch ein Bürgerschaftsbeschluss zur Klimaanpassung formulierte dies bereits als städtisches Ziel.Um den Bestand zu sichern, werden die Bäume regelmäßig kontrolliert. Ihr Zustand wird dabei im sogenannten Baumkataster detailliert erfasst und dokumentiert.

Damit die Bürger Einblicke in diese Arbeit bekommen können, gibt es das Baumkataster nun als digitales Angebot. Dort wird die Vitalität der erfassten Bäume nicht nur dokumentiert, sondern öffentlich sichtbar gemacht. Eine Karte zeigt den aktuellen Gesundheitszustand der Bäume und soll nachvollziehbar machen, wie sich Trockenheit und Hitzeperioden auf die Bäume auswirken. Außerdem wurde die Infoseite www.luebeck.de/habitatbaumneu gestaltet.

Sandra Kaehler, kommissarische Abteilungsleiterin Grün- und Freiräume, betont, dass sich die Prozesse im Laufe der vergangenen Jahre geändert haben. „Bäume, die wir noch vor zehn Jahren gefällt hätten, lassen wir heute noch zehn Jahre stehen“, sagt sie.

Wenn es die Verkehrssicherheit zulässt, setzt die Stadt zunächst auf Pflegemaßnahmen wie Kronenrückschnitte, um die Bäume möglichst lange zu erhalten. Sicherheit hat dabei Priorität. „Sobald Totholz eine Gefahr darstellt, weil es beispielsweise auf Straßen oder Gehwege fallen könnte, wird es entfernt“, ergänzt Tobias Guillaume, Vorarbeiter in der Baumkontrolle.

Während Tobias Guillaume die Infotafel an der Esche anbringt, weist Björn Peters darauf hin, dass Hitzewellen und Trockenheit vielen Stadtbäumen stark zugesetzt haben. „Diese beiden Bäume dort haben eindeutig Trockenstress“, betont er und zeigt auf zwei Ahorne auf der benachbarten Grünfläche, deren Blätter sich bereits gelb färben. „Wir beobachten das. Es kann sein, dass sie sich erholen.“

Extra gegossen werden solche Bäume nicht. „Wir haben rund 100.000 Bäume im Baumkataster, alle zu gießen, ist nicht möglich“, sagt Björn Peters. „Gegossen werden in der Regel die Jungbäume, etwa fünf Jahre lang.“ Bürger, die Lübecks Bäumen helfen möchten, können gerne mitgießen. „Darüber freut sich die Stadt, wir empfehlen Regenwasser“, sagt der Baumsachverständige. und KÜ



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