Hansestadt erwägt Klage gegen Belttrassen-Planung
Eisenbahn-Bundesamt genehmigt Ausbau ohne zusätzliche Gleise – Stadt befürchtet Engpass für geplante Regio-S-Bahn und den Hafen.

Der Abzweig Waldhalle: Lübeck befürchtet, dass der Streckenabschnitt den künftigen Zugverkehr nicht bewältigen kann.Foto: Lutz Roeßler
Lübeck. Eigentlich sehen Lübecks Wirtschaft und die Stadtverwaltung die feste Fehmarnbeltquerung positiv. Eigentlich. Mit dem nun erlassenen Planfeststellungsbeschluss, der der Bahn Baurecht im Bereich Lübeck gibt, ist man im Rathaus jedoch unglücklich.

Die Stadt spricht von einer „mit Defiziten behafteten Planung“. Lübeck warnt seit Langem vor einem Schienenengpass zwischen dem Lübecker Hauptbahnhof und dem Abzweig Schwartau-Waldhalle. Die Bahn-Infrastrukturgesellschaft DB InfraGO will dort keine zusätzlichen Schienen verlegen – trotz einer zu erwartenden starken Zunahme des Zugverkehrs. Das werde sowohl die Umsetzung der künftigen Regio-S-Bahn beeinträchtigen als auch die Erreichbarkeit des Lübecker Hafens für Güterzüge, sagt die Stadt. Das Eisenbahn-Bundesamt hat sich mit den Bedenken auseinandergesetzt, das Vorhaben der Bahn aber trotzdem abgesegnet.

„Als Stadt können wir den Planfeststellungsbeschluss daher in seiner jetzigen Form nicht einfach hinnehmen“, sagt Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD). Er werde derzeit umfassend geprüft. Dabei gehe es auch darum, „ob und in welchem Umfang die kritischen Abwägungsentscheidungen einer gerichtlichen Überprüfung unterzogen werden könnten“.

Mitte August hatte das Eisenbahn-Bundesamt den Planfeststellungsbeschluss für den fünf Kilometer langen Abschnitt von Lübeck bis nach Bad Schwartau vorgelegt. Die Bahn darf somit bauen. Der Konzern startet aktuell mit den Vorbereitungen. 2027 sollen die eigentlichen Arbeiten starten. Eine mögliche Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht hätte keine aufschiebende Wirkung.

Das über 500 Seiten starke Papier regelt viele Details des Projekts. Wo Lärmschutzwände stehen sollen, ist ebenso aufgeführt wie mögliche Entschädigungen oder Umweltschutzmaßnahmen. Auch Einwendungen, die gegen die Planung erhoben worden sind, werden dort behandelt.

Der von Lübeck befürchtete Engpass auf den Schienen wird in dem Papier ausführlich beleuchtet. Und grundsätzlich stimmt das Eisenbahn-Bundesamt den Lübecker Sorgen zu: Es liege für die Behörde auf der Hand, dass mehr Verkehr auf den Strecken nach Eutin/Kiel beziehungsweise nach Travemünde „zu einer Überlastung insbesondere des Abzweigs Lübeck-Waldhalle“ führen werde, heißt es auf Seite 244.

Das Problem ist, dass an dieser Stelle die Züge aus Travemünde ebenerdig die Schienen in Richtung Bad Schwartau kreuzen. In diesem Moment sind alle Gleise blockiert. Mit einer Brücke oder einer Unterführung könnte der Verkehr getrennt werden. Das ist jedoch nicht geplant. Ebenso wenig geplant ist das von Lübeck gewünschte dritte und vierte Gleis zwischen dem Abzweig und dem Hauptbahnhof.

Das Eisenbahn-Bundesamt enthält sich aktuell einer Bewertung, da es mögliche Flächenreserven gebe und zukünftige Erweiterungen durch das aktuelle Schienenanbindungs-Vorhaben nicht „verbaut“ würden. Die Belttrasse und der Ausbau des Regionalverkehrs seien „sowohl finanzierungsseitig als auch hinsichtlich der jeweiligen Vorhabenziele getrennt voneinander zu betrachten“.

Hier setzt die Kritik der Stadt an. Der nun genehmigte Ausbau werde nicht dafür genutzt, den Schienenknoten Lübeck leistungsfähig auszustatten. „Statt die ohnehin anstehenden umfangreichen Eingriffe direkt für eine nachhaltige und funktionierende Lösung zu nutzen, droht der Beschluss, infrastrukturelle Defizite der Planungen der DB InfraGO für Jahrzehnte zu verfestigen“, teilte die Stadtverwaltung auf Nachfrage der Lübecker Nachrichten mit.

Eine spätere Erweiterung auf ein drittes und viertes Gleis sei zwar möglich. Allerdings sei der Ausbau dann mit umfangreichen Rückbauten, Neubauten, Restbuchwertverlusten und neuen Belastungen für die Bevölkerung verbunden. Ein späterer Ausbau unter laufendem Betrieb sei zudem deutlich schwieriger als eine vorausschauende Berücksichtigung im jetzigen Verfahren.

Besonders unverständlich findet die Stadt, dass selbst kleinere mögliche Optimierungen nicht aufgegriffen worden seien. Die Verwaltung nennt als Beispiel die Ertüchtigung von Gleisen, um Güterzügen zusätzliche Durchfahrmöglichkeiten durch den Lübecker Hauptbahnhof zu eröffnen.

Der Fahrgastverband Pro Bahn schlägt in die gleiche Kerbe wie die Stadt. Er sieht einen Mangel im Eisenbahnrecht. Das Planfeststellungsverfahren laufe seit 2018. Seitdem auftretende Änderungen des Bahnangebotes hätten nicht berücksichtigt werden können.

„Mit dem aktuellen Entwurf des Deutschland-Taktes und der Planung der Regio-S-Bahn Lübeck reicht die Kapazität der bestehenden zwei Gleise im Streckenabschnitt Abzweig Schwartau-Waldhalle-Lübeck Hauptbahnhof für einen pünktlichen und zuverlässigen Schienenverkehr nicht aus“, sagt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn.Eine Anbindung der Bahnstationen Scharbeutz und Timmendorfer Strand im 30-Minuten-Takt an Hamburg gehe nur mit einem Ausbau der Kapazität am Abzweig Waldhalle. Pro Bahn fordert das Land und den Verkehrsverbund Nah.SH daher auf, dort eine Brücke oder Unterführung zu planen sowie den viergleisigen Ausbau anzugehen. und HVS



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