Timmendorfer Strand baut seine Dünen um
Neues Konzept will den Spagat zwischen Küstenschutz, Natur und Tourismus schaffen.

Madelaine Engelbrecht (r.) und ihr Team suchen die Düne nach Kiefern ab, die umgepflanzt werden sollen.
Niendorf/Timmendorfer Strand. Madelaine Engelbrecht stapft über die schneebedeckte Düne am Niendorfer Strand und bleibt neben einer jungen Kiefer stehen. Der Baum ist fast so groß wie sie. Damit ist sein Schicksal eigentlich besiegelt, denn die Regel ist eindeutig: Nur Kiefern mit einer Wuchshöhe von bis zu einem Meter dürfen ausgegraben und umgepflanzt werden – alle anderen werden entsorgt. „Vielleicht drückt der Bauhof ja ein Auge zu“, sagt Engelbrecht zu ihren Kolleginnen, greift zum Flatterband und markiert den Stamm dennoch.

Sie ist bei der Gemeinde Timmendorfer Strand für Umwelt- und Naturschutz zuständig. Mit ihrer Kollegin Laura Hoffmann und Hannah Huber, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in der Gemeinde absolviert, kontrolliert Engelbrecht, wie weit der Bauhof mit der Dünenpflege in Niendorf gekommen ist. Und versucht, Kiefern zu retten.

Neues Dünenpflegekonzept

Seit wenigen Wochen wird das neue Dünenpflegekonzept der Gemeinde offiziell umgesetzt. Zwei Jahre lang hat Engelbrecht daran gearbeitet. Die Umweltwissenschaftlerin kartierte die Dünen, untersuchte die Biotope und stellte eine umfassende Bestandsaufnahme zusammen. Hinter der Promenadenmauer ist in den vergangenen Jahrzehnten vieles gewachsen. Zu viel, wie sich zeigte, berichtet Engelbrecht.

Ziel des Konzepts ist ein Spagat: Einerseits sollen die Dünen wieder in einen stabilen, naturnahen Zustand versetzt werden, andererseits sollen sie den Anforderungen von Küstenschutz und Tourismus gerecht werden.

Die Untere Naturschutzbehörde habe Eingriffe jahrzehntelang untersagt, berichtet Engelbrecht. „Uns wurde gesagt: Ihr dürft nichts mehr anfassen. Bis die Gemeinde dieses Pflegekonzept vorgelegt hat.“ Es erfolgt in vier Abschnitten. Los geht es in Niendorf, der letzte Abschnitt geht bis an die Grenze zu Scharbeutz.

Dünen sind Teil

des Küstenschutzes

„Rein naturschutzfachlich müsste man die Natur sich selbst überlassen“, sagt Engelbrecht. „Aber das geht natürlich nicht, wenn man den Kompromiss zwischen Naturschutz, Küstenschutz, Einheimischen und Tourismus finden will.“

Dünen sind Teil des Küstenschutzes. Große Bäume wie die Kiefer gehören dort nicht hin. „Die Wurzeln reichen genauso tief in den Sand, wie der Baum hoch ist“, sagt Madelaine Engelbrecht. Solche Wurzeln verfestigen den Sand ungleichmäßig – und genau das wird bei Sturm zum Problem. Um Stämme und Wurzelwerk können sich sogenannte Ausspülungen bilden, der Sand wird punktuell schneller abgetragen. Deshalb müssen die Kiefern weichen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Pflegekonzepts: Abgestorbener Sanddorn und Ahorn werden entfernt. Die toten Sanddornhaufen werden „Brennholz fürs Biike-Feuer“, erklärt Engelbrecht. Auch der invasive Japanische Staudenknöterich muss weg.

Der Gedanke dahinter: Standorttypische Pflanzen wie Strandhafer und Stranddisteln bekommen wieder mehr Platz, um sich auszubreiten. Nachgepflanzt wird nur, wo Sand sonst vom Wind abgetragen würde, so Engelbrecht. Durch diese gezielten Eingriffe sollen sich artenreiche, widerstandsfähige Dünenlebensräume entwickeln.

„Die größte Zerstörung an der Düne stammt vom Menschen“, sagt Engelbrecht und meint etwa die vielen Trampelpfade, die sich durch die Dünen ziehen, obwohl ihr Betreten verboten ist. Umso wichtiger sei der neue Schutzzaun. „Ich habe schon gesehen, dass vorn am Zaun wieder Strandhafer nachwächst.“

Gerade bei Sturmfluten, wie sie die Ostsee zuletzt 2023 erlebt hat, kommt es auf jede intakte Düne an.

Engelbrecht hofft, dass alle an diesem Tag markierten Kiefern anderswo einen neuen Platz finden. Dafür ist dann FÖJlerin Hannah Huber zuständig, sobald der Boden nicht mehr gefroren ist. Dann legt sie mit dem Spaten los. HAD

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