„Oben an der Mauerkrone sehen Sie schon lateinische Buchstaben sowie ein farbliches, rotes Band“, erklärt Dubisch. „Das hatten wir schon vor Monaten entdeckt, sind da aber nicht herangekommen. Und jetzt – zwischen unseren beiden Hauptausgrabungskampagnen – haben wir entschieden, hier noch mal genauer hinzusehen.“ Das Team der Kirchenbauhütte hat den Fußboden weiter geöffnet, und der Blick in den Untergrund offenbart ein langes Tonnengewölbe.
„Das geht sicher noch drei Meter tief rein“, sagt der Archäologe fasziniert. „Wir werden jetzt mit Kanthölzern das Gewölbe stabilisieren, sodass wir noch ein wenig daran arbeiten können.“ Denn das Innere der alten Gruft hält Faszinierendes bereit: gut erhaltene, mehrfarbige Wandmalereien. Zu sehen ist im Eingangsbereich ein stilisierter Adam sowie im Inneren ein farbenfrohes Rankenwerk.
Hinzu kommt ein lateinisches Zitat aus dem Johannesevangelium. „Ego sum vitis, vos palmites. Also – ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, zitiert Dubisch.
Der Archäologe ist sichtlich begeistert: „Die Malereien, die wir hier finden, sind in der Qualität, Form und Größe einmalig für Norddeutschland. Das ist auf jeden Fall ganz toll erhalten.“ Doch die Zeit für die Entdecker drängt. „Zwei Wochen haben wir noch“, berichtet Grabungsleiter Fabian Schwenn. „Die Gruft muss danach auf jeden Fall verfüllt werden, weil wir ja die Malereien auch schützen wollen. Alles wird aber aufwendig dokumentiert.“
Für seinen Kollegen Daniel Fuchs ist die harte Arbeit im kalkhaltigen Schutt ein Privileg: „Ganz großartiges Projekt. Für uns ist das hier etwas ganz Besonderes.“
Die Arbeiten in der Lichterbaumkapelle schlagen eine Brücke zu einem gewaltigen Vorhaben. Vor dem Einbau einer neuen Fußbodenheizung wird der Boden der „Mutterkirche der Backsteingotik“ in zwei großen archäologischen Kampagnen tiefgreifend untersucht.
„So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal in hundert Jahren“, schwärmt Dubisch über das Projekt. „St. Marien ist die Kirche der Hanse-Kaufleute, und wir erfahren hier viel über ihre Bestattungen. So schnell wird man nicht wieder so nah drankommen.“ Die Erwartungen des interdisziplinären Teams, das von internationalen Laboren und Spezialisten für Sepulkralarchäologie unterstützt wird, sind immens.
Hochgerechnet mehr als 1000 Bestattungen vermuten die Experten im Kirchenboden. Die Gräber zeugen von enormem Reichtum. „Wer sich im Mittelalter oder in der Neuzeit so eine Grabliege leisten konnte, der hatte Geld“, sagt Dubisch.
Die Grüfte wurden über Generationen belegt, mitunter auch an andere Familien weiterverkauft. Ihre letzte Ruhestätte wurde es dann jedoch häufig nicht. Denn wie auch im Fall der Lichterbaumkapelle wurden viele Grüfte im 19. Jahrhundert geöffnet. „Es scheint so, dass sie dann die Toten entnommen und mit diesem Schutt die Gruft wieder aufgefüllt haben“, erklärt Dubisch.
Doch die Archäologen blicken noch viel tiefer in die Stadtgeschichte. Bereits in der ersten Kampagne konnten bauliche Spuren der romanischen Basilika, so um 1200, nachgewiesen werden. Sogenannte C14-Analysen, mit denen das Alter von Materialien ermittelt wird, von Holzkohlesplittern im Mörtel bestätigen dies. Diese Vorgängerkirche nahm schätzungsweise bereits drei Viertel des heutigen Grundrisses ein. Der wissenschaftliche Höhepunkt steht den Archäologen wohl schließlich ab 1. Dezember bevor.
Dann startet die zweite, rund sechsmonatige Hauptgrabungskampagne, bei der insbesondere der Chorbereich tiefgreifend untersucht wird. Das Ziel: Spuren der vorromanischen Marktkirche von 1163 zu finden – und damit die Ursprünge der bürgerlichen Stadtentwicklung. Die Forscher sind besonders auf diesen Bereich gespannt, denn es gilt: Je näher man dem Altar kommt, desto berühmter waren die bestatteten Kaufleute.
Für die Lübecker und die Besucher der Hansestadt bedeutet dies jedoch einen baldigen Abschied. Der Zeitplan für die fünfjährige Sanierung steht bereits fest. Am 31. Oktober wurde in St. Marien noch der Reformationstag gefeiert, tags darauf am Sonntag gab es dann den letzten regulären Gottesdienst vor der Schließung. Seit vergangenen Montag sind jetzt offiziell für ein Jahr die Portale der Kirche geschlossen.
Das Wissen um die Schätze unter dem Backsteinboden, der zuvor nur aus Grabplatten bestand, soll jedoch nicht wieder verschüttet werden. Stadt, Kirche und Archäologen erarbeiten derzeit Konzepte, um die Funde langfristig erlebbar zu machen. Ob durch bauliche Bodenmarkierungen, Schauöffnungen oder digitale 3D-Rekonstruktionen per QR-Code – die Chroniken aus der Tiefe sollen in Zukunft ein sichtbarer Teil des Lübecker Welterbes bleiben.