„Keine Visitenkarte“: Travemünder Bahnsteige verwildern
Container, Büsche und Gerümpel statt Züge – Ortsrat kämpft für bessere Qualität am Strand- und Hafenbahnhof.

Der Hafenbahnhof Travemünde: Der heute genutzte Bahnsteig wurde 2004 gebaut. Der alte Bahnsteig links im Bild hatte damit ausgedient. Er verwildert.Fotos: Helge von Schwartz
Lübeck. Bilder aus den 1970er- und 1980er-Jahren zeigen: Einst sah der Travemünder Strandbahnhof imposant aus. Vier Gleise gab es und zwei Bahnsteige. Auch Fern- und Sonderzüge hielten im Ostseebad. Bis 1974 gab es sogar eine Bahnstrecke vom Hafenbahnhof über Brodten nach Niendorf.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Bahnverkehr ging zurück, die Gleise wurden allmählich stillgelegt und abgebaut. Inzwischen ist am Strandbahnhof nur noch eines in Betrieb – das frühere Gleis 2.

Der Bahnsteig, an dem früher die Gleise 3 und 4 lagen, existiert zwar noch. Doch er sieht nicht so aus, als würde dort jemals wieder ein Zug halten. Die Natur hat das Sagen. Büsche und Gräser gedeihen. Die Metallstützen, die ehemals das Dach trugen, ragen wie aus einem Urwald nach oben. Doch Schutz vor Regen bieten sie schon lange nicht mehr. Container stehen dort, wo früher Züge hielten. Dazu Gerümpel aller Art und ein paar Schwellen, auf denen dekorativ ein weißer Turnschuh thront.

Ein ähnliches Bild bietet sich am Hafenbahnhof. Bis 2004 hielten die Züge an den Gleisen 2 und 3. Durch eine Unterführung mussten die Fahrgäste in Richtung Vogteistraße gehen. Die Bahn entschied sich, einen neuen Bahnsteig direkt vor dem Bahnhofsgebäude zu bauen. Dieser ist barrierefrei zu erreichen. Der alte Bahnsteig fiel damit in einen Dornröschenschlaf. Ein paar Lampen stehen immer noch dort, als würden Reisende kommen, denen sie den Weg leuchten müssen.

Die verlassenen Bahnsteige an den beiden Stationen sind dem Ortsrat Travemünde ein Dorn im Auge. „Der Anblick ist keine Visitenkarte, mit der wir uns rühmen können“, sagt der Vorsitzende Karsten Hübner. „Das sieht dort nicht schön und repräsentativ aus.“

Die Bahnhofsgebäude von Strand- und Hafenbahnhof sind schon vor Jahren an Private verkauft worden. Auch der Bahnsteig der früheren Strandbahnhofs-Gleise 3/4 ist laut Bahn 2015 an den privaten Investor gegangen. Der stillgelegte Bahnsteig am Hafenbahnhof ist hingegen noch im Besitz der Bahn.

Beide Stationen stehen unter Denkmalschutz. Laut Denkmalliste der Stadt umfasst der Schutz beim Strandbahnhof das gesamte Gebäude mit Bahnsteigen, auch den Vorplatz und die unmittelbar das Gebäude umgebenden Anlagen. Beim Hafenbahnhof betrifft er unter anderem das Hauptgebäude mit Seitenflügel und Anbauten sowie die Bahnsteige mit Überdachung.

Die inzwischen abgebauten Gleise gehören nicht per se zum Denkmalumfang dazu. „Sie sind zwar für die ursprüngliche Nutzung als Bahnhöfe zwingend erforderlich, durch ihr Wegfallen erlischt jedoch der Denkmalwert der Bahnhofsgesamtanlage nicht“, sagt Nina Rehberg von der Pressestelle der Stadt.

Die Bahn sieht sich in erster Linie für die Pflege der derzeit für den Verkehr genutzten Bahnsteige zuständig. „Die Verkehrsstationen umfassen die Bahnsteige mit Ausstattung, und in Travemünde Strand das Bahnsteigdach“, sagt eine Bahnsprecherin. „Diese Bereiche werden regelmäßig gereinigt und instand gehalten.“

Die Bahn unterliege der Verkehrssicherungspflicht. „Dafür finden regelmäßige Kontrollen der Stationen statt, um die Funktionstüchtigkeit der Anlagen zu gewährleisten.“ Auf dem nicht genutzten Bahnsteig am Hafenbahnhof seien zuletzt im Juli dieses Jahres Grünpflegearbeiten sowie eine Müllbereinigung vorgenommen worden.

Die Stadt ist für die beiden Bahnhöfe nicht zuständig. Sie hat aber sehr wohl registriert, dass die ungenutzten Bahnsteig- und Gleisbereiche stark verkrautet sind – und teilweise auch das aktuell genutzte Gleis. „Für eine nachhaltige Akzeptanz im Sinne der Verkehrswende sollte natürlich ein möglichst ansprechendes und gepflegtes Bahnhofsumfeld angestrebt werden“, sagt Nina Rehberg. Schließlich zähle der Gesamteindruck der Bahnhöfe. Deswegen sollte eine einladende Infrastruktur vorzufinden sein.

Die Stadt hat trotz der tristen Gegenwart Hoffnung, dass die Geister-Bahnsteige eines Tages wieder mit Leben gefüllt sein werden. Sie hielte es für wünschenswert, diese „im Sinne zukünftig noch zu hebender Potenziale auch weiterhin vorzuhalten“.

Damit zielt die Verwaltung auf Pläne des Landes ab, einen durchgehenden Halbstundentakt nach Travemünde einzuführen. Auch für die von Lübeck geforderte Regio-S-Bahn spielt die Travemünde-Strecke eine bedeutende Rolle.

Die Bahn reagiert zurückhaltend. „Die Reaktivierung stillgelegter Strecken unterliegt der Beauftragung durch den Aufgabenträger“, so die Sprecherin. In diesem Fall sei das der Verkehrsverbund Nah.SH. Den Hoffnungen für den alten Bahnsteig im Hafenbahnhof versetzt sie einen Dämpfer: „Die frühere Unterführung zwischen den Bahnsteigen im Hafenbahnhof Travemünde ist nicht mehr aktiv und wurde verfüllt.“Der Ortsrat möchte sich mit der Situation nicht abfinden. Laut Karsten Hübner stehe das Gremium mit dem Bauausschuss der Bürgerschaft und der Stadtverwaltung in Kontakt, um eine Verbesserung zu erreichen. „Wir wollen hier eine bessere Qualität“, sagt er. und HVS



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