Uni Lübeck: Wegweisendes Physiotherapie-Konzept
Studiengang feiert Jubiläum: Seit zehn Jahren weniger Handgriffe, mehr wissenschaftliche Erkenntnisse – Fachkräfte äußerst begehrt.

Physiotherapie-Studentin Luise Blaudeck zeigt, welche Trainingsübungen das Gleichgewicht stärken.Foto: Guido Kollmeier/UzL
Lübeck. Als Lotte Heimes 2017 ihr Physiotherapie-Studium an der Uni Lübeck startete, gehörte sie noch zu den Pionierinnen ihres Berufszweiges hierzulande. Denn eigentlich lernte man ihre Profession an einer Berufsfachschule. Sie war extra aus Köln auf den hiesigen Campus gekommen. Mittlerweile gehört sie zu den insgesamt rund 210 studierten „Physios“, die diesen akademischen Weg seit der Gründung des Studiengangs an der Uni gegangen sind.

Die 29-Jährige arbeitet inzwischen in einer großen Praxis im schweizerischen Bern. Wenn die Physiotherapeutin in ihren Arbeitsalltag eintaucht, geht es nicht bloß um klassische Handgriffe. Ihr Spezialgebiet ist der Beckenboden. In der Behandlung setzt die junge Frau auf aktives Training und wissenschaftlich untermauerte Methoden, die ihren Patientinnen langfristig helfen sollen. Genau dieses Rüstzeug hat sie aus der Hansestadt mitgebracht.

„Durch das Studium habe ich insbesondere gelernt, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in meine alltägliche Tätigkeit einzubauen. Also evidenzbasiert zu arbeiten“, berichtet sie heute. „Natürlich hat man das auch zum Teil in der reinen Ausbildung, aber bei uns wurde der Blick dafür noch einmal besonders geschärft“, betont sie. Zudem habe ihr der Uni-Abschluss weitere Berufsperspektiven eröffnet – auch im Ausland.

Lob vom Ministerium

Anlass für diesen Rückblick ist ein besonderes Jubiläum: Der Bachelor-Studiengang Physiotherapie wird zehn Jahre alt. Im Jahr 2016 auf dem Lübecker Campus gestartet – zwei Jahre nach dem Pflege-Studiengang – galt er bereits damals als wegweisend.

Er erntete auch ein Extralob aus dem Kieler Gesundheitsministerium. Die Hochschule leiste damit einen wertvollen Beitrag zur Akademisierung der Gesundheitsberufe, hieß es. Geleitet wird der Studiengang von Professorin Kerstin Lüdtke. Wenn sie auf die vergangene Dekade blickt, fällt ihre Bilanz sehr überzeugend aus.

So ist die Beliebtheit des Programms ungebrochen. „Wir haben immer noch zu jedem Wintersemester über 400 Bewerberinnen und Bewerber auf 40 Plätze“, sagt die Professorin. Und die Nachfrage nach den Lübecker Talenten ist riesig.

Das Studium umfasst 1600 Stunden Berufspraxis bei mehr als 50 Partnern. „Wir haben Arbeitgeber, die rekrutieren unsere Studierenden schon weg, bevor sie überhaupt ihr Staatsexamen haben“, berichtet Lüdtke. Nach sieben Semestern haben die Studierenden zwei Abschlüsse: den staatlich geprüften Physiotherapeuten und den „Bachelor of Science“.

Training und Übungen statt Hands-on-Technik

Doch was macht die akademische Ausbildung inhaltlich so besonders? Eine Untersuchung der Uni hat ergeben, dass studierte Therapeuten in der Tat mehr wissenschaftlich basierte Ansätze nutzen. „Das bedeutet konkret, dass sie tendenziell mehr Training und Übungen den Patientinnen und Patienten anbieten und so weniger sogenannte Hands-on-Techniken wie Massage oder manuelle Therapie, da wir wissen, dass diese nicht besonders effektiv sind“, führt die Professorin aus.

Alleine angewandt reichten sie nicht, auch wenn sie in Kombination mit Training durchaus indiziert seien. „Aber es ist das Aktive, was den Menschen weiterbringt. Und letzten Endes geht es da ja auch um das sogenannte Empowerment, also das Stärken der eigenen Kräfte“, fügt sie an. Die klare Botschaft laute: „Du kannst dich selbst trainieren, ich kann den Weg weisen.“

Drei Dinge sollen die Studierenden laut Lüdtke mit in die Berufspraxis nehmen: das Wissen, wo man nach wissenschaftlichen Ergebnissen recherchiert, wie man diese beurteilt und dass man diese im Team weitergibt.

Für die Gesundheit muss man etwas tun

Unbequeme Wahrheiten gehörten ebenso dazu. „So wissen wir inzwischen zum Beispiel, dass Kinesiotape ineffektiv ist, dass manuelle Therapie alleine keine Rückenschmerzen heilt“, betont Lüdtke. Auch ein gerader Bürostuhl oder ein spezielles Kissen heile keine Nackenschmerzen. „Letztendlich kann man sich Gesundheit nicht mit diesen Instrumenten kaufen, sondern muss selbst etwas dafür tun“, so ihre Botschaft.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Studiengangs ist der interdisziplinäre Ansatz, der im 2020 gegründeten Institut für Gesundheitswissenschaften (IfG) verankert ist. Ergotherapeuten, Logopäden, Hebammen, Pflegestudierende und Mediziner haben gemeinsame Lehrveranstaltungen.

Heidelberg hat
nachgezogenErst im vergangenen Jahr zog die Uni Heidelberg mit einem ähnlichen Konzept wie in Lübeck, aber mit nur 20 Studienplätzen, nach. International ist die akademische Ausbildung von Logopädinnen, Ergo- und Physiotherapeuten übrigens seit sehr vielen Jahren Standard. Die Zukunft des Berufsbildes bleibt spannend. Aktuell wartet die Hochschule auf eine neue Version des Berufsgesetzes, das ihnen mehr Zuständigkeiten zubilligt. „Dies könnte mit etwas Glück beinhalten, dass die Absolvierenden mehr Freiheiten in der Versorgung hätten“, blickt die Professorin voraus. und MHO



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