Geisterläden in Lübecks Innenstadt
Warum es so viel Leerstand im Einzelhandel gibt – Was sich dagegen tun lässt.

Olivia Kempke hat die Schlüssel zu Leerständen und vermittelt sie an neue Mieter. Wenn das nicht geht, organisiert sie eine Zwischennutzung, wie hier das Kultur-Schaufenster im ehemaligen Zara-Gebäude.Fotos: Friederike Grabitz
Lübeck. Ein kleiner Perspektivwechsel verändert die Wahrnehmung auf die Stadt: der Blick an den Fassaden entlang nach oben. Blanke Fenster starren ins Leere, blind vor Schmutz, am Abend dunkel. In manchen Straßen Lübecks hat jedes dritte oder vierte Haus eine unbewohnte Geister-Etage.

Besonders viele davon gibt es in der Fußgängerzone. Mehr als zwanzig Prozent, also ein Fünftel aller Ladenflächen, stehen in der Innenstadt leer, in ganz Lübeck sind es 5,7 Prozent. So steht es im aktuellen Einzelhandelsmonitor, den die Wirtschaftsförderung Mitte September veröffentlichte. Zwanzig Prozent, das sind 20.000 Quadratmeter bebauter, ungenutzter Raum. Sie liegen brach, dabei könnten hier öffentlich genutzte Flächen sein, Wohnraum, Läden oder auch ein Sportstudio.

Für den Sport-Trainer Gabriel Pereira fühlt sich Lübeck zunehmend an wie eine „verlassene Stadt“. Obwohl es viel Leerstand gibt, suchte er letztes Jahr lange nach einem Ort für sein Fitnessstudio. Er wunderte sich: „Viele Läden waren leer, aber sehr teuer. Und sie waren Schrott. Die Besitzer lassen sie lieber leer stehen, als zu renovieren.“ Als er dann in der Großen Burgstraße ein Ladenlokal für sein Studio „Wisewel Fitness“ fand, musste er alles selbst renovieren. Nach wie vor funktioniert die Heizung nur teilweise, trotzdem zahlt Pereira für rund 100 Quadratmeter 1800 Euro Pacht.

Der Einzelhandelsmonitor erfasst nur Läden, und deren Fläche ist im Zentrum der Hansestadt seit 2015 um mehr als ein Fünftel geschrumpft. „Die Nachfrage des Einzelhandels nach Flächen ist auf einem historischen Tiefstand“, sagt Lübecks Leerstandsmanager Stefan Krappa. Er geht davon aus, dass sie „auch nicht wieder anzieht“.

Der Einzelhandelsmonitor nennt drei Gründe. Wegen der wirtschaftlichen Situation wird aktuell weniger gekauft. Wenn gekauft wird, dann bevorzugt in Einkaufszentren wie Luv und Citti. In deren Stadtteilen ist der Leerstand mit 2,5 und 1,1 Prozent sehr gering. Primär aber macht seit etwa 2000 der Online-Handel dem Einzelhandel Konkurrenz.

Deshalb gibt es kaum noch Läden über mehrere Etagen. Etwa das Haus gleich gegenüber dem Rathaus, ein Schmuckstück aus der Gründerzeit, roter Backstein mit Verzierungen und Erkern: Früher bot das Pressezentrum darin Bücher und DVDs an. Dann zog ein Dekorationsladen ein – aber nur unten.

Den ersten Stock nutzen Mitarbeitende als Lager, die beiden oberen Etagen stehen leer – ohne eigenen Eingang. Die Besitzer der Ladenkette möchten sich nicht dazu äußern, warum das so ist.

„Mehrgeschossiger Einzelhandel ist selten geworden“, sagt Tanja Gutzmann. Sie ist Filialleiterin des „Betty Barclay“ in der Fußgängerzone. In dem Haus verkaufte bis 2015 „Intersport Mauritz“ mehrgeschossig Sportartikel, jetzt nutzt der Modeladen nur noch das Erdgeschoss. „Verkaufsfläche oben wäre für unsere Kundinnen nicht interessant“, sagt Gutzmann. Trotzdem muss die Modekette das ganze Haus mieten. Der erste Stock dient als Pausenraum, darüber stehen zwei Etagen leer: Jeweils ein großer, heller Raum, Fenster öffnen den Blick in die Fußgängerzone.

Wenn Läden dauerhaft leer stehen, warum werden sie dann nicht zu Wohnungen umgebaut? Olivia Kempke, Vorsitzende von Lübeck Management e. V., beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Leerstand. „Läden sind zugeschnitten auf eine bestimmte Nutzung“, sagt sie. „Sie haben eine bestimmte Deckenhöhe, ein Lichtsystem, vielleicht Rolltreppen.“ Ein Umbau kostet viel Geld und ist nicht immer möglich.

„Man kann Eigentümer nicht über einen Kamm scheren, die Mehrzahl von ihnen will vermieten“, sagt Kempke. Doch einige Investoren haben Fonds, Aktionäre oder Banken im Rücken. Wenn sie billiger vermieten, kann damit der Wert des Hauses sinken. „Sie haben also eine Gewerbeimmobilie in den 80er- Jahren gekauft und für 80 bis 100 Euro pro Quadratmeter vermietet. Dafür finden Sie keine Mieter mehr. Wie soll dieser Fonds den Anlegern erklären, dass er nun für 30 Euro vermietet?“ Also bleibt das Haus leer.

Die Laden-Mietpreise sind stark gesunken, allein zwischen 2024 und 2025 um vier bis sechs Euro. Laut dem Immobilienverband Deutschland (IVD) liegen sie je nach Ladengröße zwischen 14 und 25 Euro für 1A-Lagen wie der Fußgängerzone und 7,50 bis 13 Euro in 1B-Lagen.

Im Lichthof in der Königsstraße kann man über das Portal Immoscout24 Ladenlokale für 20 bis 24 Euro pro Quadratmeter mieten. Wie viele Einkaufspassagen in Zentren hatte auch der Lichthof Probleme mit Leerstand. Jetzt sind neun Zehntel der 16.000 Quadratmeter großen Passage vermietet – dank der Lübecker Stadtverwaltung, denn die hat dort Flächen für ein Bürgerbüro und weitere städtische Nutzungen angemietet, ab Mitte 2027 zieht vorübergehend die Volkshochschule ein.

Vermieter der Passage ist das Frankfurter Unternehmen Erwe. Junior-Geschäftsführer Philipp Weitzel betont: „Solche Umnutzungen funktionieren nur in Zusammenarbeit mit der Stadt.“ Zügige Baugenehmigungsverfahren seien eine solche Unterstützung. So wurde ermöglicht, dass die Erwe oben im Lichthof fünf Wohnungen in ehemalige Büros einbaute.

Im ehemaligen Karstadt-B-Gebäude schufen Stadt und Lübeck Travemünde Marketing (LTM) 2024 das Übergangshaus als eine Art Wohnzimmer für die Stadtgesellschaft und offenen Raum für Vereine, Projekte und Hochschulen. Jetzt wird es zum Bildungshaus für die Gymnasien umgebaut. Ohne diese Umnutzungen wäre Lübecks Leerstand noch viel dramatischer: Das Haus Karstadt A gleich daneben macht mehr als die Hälfte der ungenutzten Fläche in der City aus, und da ist die Schließung von Edeka und dm noch nicht eingerechnet.

Auch Olivia Kempke engagiert sich für Zwischennutzungen, sie vermittelt etwa Kunstausstellungen in leere Schaufenster. Mit einem dicken Schlüsselbund besucht sie die leeren Geschäfte regelmäßig. „Die Eigentümer zu finden, ist viel Recherche-Arbeit“, sagt sie. „Wir haben Mietverträge für die Nutzung der Schaufenster. Dafür kümmern wir uns darum, dass alles sauber bleibt.“

Kempke hat auch den Second-Hand-Laden „Zweiter Frühling“ aus Schlutup in den ehemaligen Schuhladen Salamander in der Breiten Straße geholt. Die junge Geschäftsführerin Fee Lüneburg wagte den Umzug, weil sie die Fläche mit zwei Mitnutzern günstig bekam.

Fußboden und Decke sehen zwar nicht mehr toll aus, und als Trennwand dient ein Vorhang, aber das macht nichts: Der Mietvertrag läuft nur bis Ende Oktober, „danach wird hier alles neu gemacht“, sagt Lüneburg. Das Geschäft laufe gut, sagt sie gegenüber den Lübecker Nachrichten. Trotzdem hat sie nun beschlossen, den Laden zu schließen, verkündete sie Anfang Oktober in einem TikTok-Video. Einer der Gründe: „Ich habe keine passende Location gefunden“. und FRG



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