Weltneuheit am UKSH: Netzhautchip trotzt Erblindung
Hoffnung bei altersbedingter Makuladegeneration – Revolutionäres Implantat wird in Lübeck nach seiner Zulassung weltweit erstmals bei einer Patientin eingesetzt.

Zum ersten Mal konnte Gisela Sudhop am 8. Oktober die Brille mit eingebauter Mikrokamera tragen, die Bildsignale auf den Chip im Auge überträgt. In der praktischen Anwendung funktioniert das System ohne Kabel.Foto: UKSH
Lübeck. Es sind die scheinbar einfachsten Dinge, die zu unüberwindlichen Hürden geworden sind. Ein Gang in die Küche, der Griff in den Vorratsschrank – doch die Gewissheit fehlt. „Selbst die Aufschrift einer Dose, wo ‚Tomaten‘ draufsteht, kann ich nicht mehr lesen“, beschreibt Gisela Sudhop ihren bisherigen Alltag. Die 80-Jährige leidet seit mehr als einem Jahrzehnt an der sogenannten altersbedingten Makuladegeneration, AMD abgekürzt.

Die Krankheit hat ihr die Unabhängigkeit genommen. Lesen, Schreiben, das Erkennen von Gesichtern – all das ist nicht mehr möglich. In der Mitte ihres Sichtfeldes ist alles verschwommen. „Ich kann rechts Buchstaben sehen, ich kann links Buchstaben sehen, aber die Mitte sehe ich nicht“, sagt sie. Ohne die Unterstützung ihres Mannes wäre alles sehr schwierig.

Jetzt allerdings hat sich ihr Blick in die Zukunft extrem verändert. Der Grund: ein wegweisender Eingriff in der Lübecker Uni-Augenklinik auf dem UKSH-Campus. Die hochkomplexe OP am Auge hat fast zweieinhalb Stunden gedauert und der Patientin neue Perspektiven eröffnet.

Gisela Sudhop ist die erste Patientin weltweit, der seit der Zulassung im Juli ein innovativer Netzhautchip zur Behandlung ihrer drohenden Erblindung eingesetzt wurde. Vor gut drei Wochen operierte Klinikchef Prof. Salvatore Grisanti zusammen mit seinem Team die Seniorin aus Celle. Im Interview mit den Lübecker Nachrichten erklärt Grisanti: „Das ist wirklich ein Quantensprung.“

Während des hochkomplexen Eingriffs wurde der nur zwei mal zwei Millimeter große Chip unter die Netzhaut gesetzt. Genau dorthin, wo die lichtempfindlichen Sehzellen abgestorben waren. „Die Besonderheit hier ist die Größe, die Miniaturisierung, dass keine Verbindung zum Äußeren des Auges, keine Verkabelung nach außen vorliegen muss“, erklärt der Experte.

Das System funktioniert mit einer Spezialbrille: Eine Kamera filmt die Umgebung und sendet das Bild per Infrarotlicht an den Chip. Dieser wandelt Signale in elektrische Impulse um und leitet sie ans Gehirn. Doch für wen kommt dieser Eingriff überhaupt infrage?

Laut dem Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA) ist die AMD hierzulande die häufigste Ursache für eine schwere Sehbehinderung. Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen; etwa 480.000 leiden an einem Spätstadium.

Genau in diesem „Endstadium“ des Leidens, sagt Grisanti, komme diese Therapie ins Spiel. „Das fängt mit Ablagerungen an und geht dann zu der generativen Veränderung, bei der intaktes Gewebe verloren geht, über. Das ist dann das fortgeschrittene Stadium der trockenen AMD, die sich als geografische Atrophie, also als Verlust von Gewebe, darstellt“, führt der Experte aus.

Genau hier setzt der Chip an. „Das muss man sich vorstellen, wie eine Insel, die immer größer wird im Zentrum des schärfsten Sehens“, erläutert er. Am Anfang könnten die Patienten einzelne Buchstaben noch sehen, aber kein Wort lesen, da die Zellen daneben nicht mehr funktionieren würden. Grisanti: „Und genau dort, wo es nicht funktionsfähig ist, wird der Chip eingesetzt, und dann kann die Netzhaut darüber noch mal aktiviert werden.“

Die Voraussetzung: Es darf keine Vernarbung vorliegen, wie nach einer sogenannten feuchten AMD. Vergleichbar mit dem natürlichen Sehen sei das, was der Chip liefert, allerdings nicht. Patienten sehen Graustufen, erkennen teils Konturen oder eben Buchstaben.

Neben den medizinischen Aspekten betont der Klinikchef eine absolute Grundvoraussetzung: „Patient oder Patientin müssen motiviert genug sein, um mit dem Chip zu arbeiten.“ Denn die OP allein reicht nicht. Das Gehirn muss das Sehen neu lernen. „Da ist ein intensives Rehabilitationstraining nötig, das individuell schneller oder langsamer vonstattengeht“, erläutert Grisanti. Mit sechs Monaten müsse man schon rechnen.

Erst danach könne der Erfolg des Eingriffs richtig beurteilt werden. „Wir erwarten, dass sie durch den Chip eine Lesefähigkeit von mittelgroßen Buchstaben erreichen wird“, hofft der Mediziner für seine Patientin.

Entwickelt wurden Chip und Brille von einem internationalen Forscherteam mit Lübecker Beteiligung. Nach einer Studie mit 38 Teilnehmenden wurde die Technik im Juli 2026 in Europa als Medizinprodukt zugelassen. Laut Studie, die im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, konnte der Netzhautchip die Sehschärfe bereits nach zwölf Monaten signifikant verbessern.

Eine Hürde bleibt die Finanzierung durch die Krankenkassen. Denn immerhin verursacht die gesamte Behandlung einen Betrag im sechsstelligen Euro-Bereich. Für Gisela Sudhop zählt derweil nur die Hoffnung auf ein eigenständigeres Leben. „Als ich die Anfrage der Klinik bekam, habe ich nicht gezögert. Die Chance grenzt für mich an ein medizinisches Wunder“, sagt sie. und MHO



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