Das Theater Lübeckauf der großen Kinoleinwand
Doris Dörrie hat Szenen von „Frau Winkler verlässt das Haus“ im Jugendstiltheater gedreht.

In einigen Szenen von „Frau Winkler verlässt das Haus“ sind auch bekannte Ecken im Theater Lübeck zu sehen, wie hier eines der Foyers im Hintergrund.Foto: Mathias Bothor
Lübeck. In schweren Pelzmänteln, zwischen Schneegestöber und gusseisernen Straßenlaternen, stehen die Darstellenden auf der Bühne des Theaters Lübeck. Die Kulisse für Anton Tschechows „Drei Schwestern“ wirkt aus der Zeit gefallen. Für die Theaterwelt des Jahres 1990 passt sie perfekt. Genau dorthin soll sie das Publikum auch führen.

Es ist eine Szene aus Doris Dörries neuem Film „Frau Winkler verlässt das Haus“, der am 1. Oktober in den Kinos angelaufen ist. Einige Passagen des Films wurden im Theater Lübeck gedreht.

Die Geschichte spielt im Jahr 2030: Nach einem Unfall ist Frau Winkler (Angela Winkler) pflegebedürftig. Da ihre Tochter Emi (Laura Tonke) ein Schauspielengagement am Theater annimmt, fehlt ihr die Zeit. Die Krankenkasse stellt Frau Winkler einen Pflegeroboter zur Seite. Zuerst wehrt sie sich. Doch allmählich entsteht eine Freundschaft zwischen ihr und „Pawlowitsch“ – der Roboter kann Texte des russischen Dramatikers Anton Pawlowitsch Tschechow rezitieren.

Im Laufe des Films erinnert sich Frau Winkler an ihre Zeit als Schauspielerin, an ihre Rolle in Tschechows „Drei Schwestern“ und an ihren verstorbenen Ehemann und Bühnenpartner.

Zuschauerinnen und Zuschauer werden im Film Orte des Theaters Lübeck wiedererkennen: das Große Haus, das Foyer der Kammerspiele und die Fassade zur Beckergrube. Und ein vielen vertrautes Gesicht: Vincenz Türpe (38) ist einer der sechs Komparsen. In „Drei Schwestern“ spielt er den Andrej Sergejewitsch. Ein passender Zufall: „Bei mir war die Vorbereitung leicht, weil ich den 2019 gespielt habe“, sagt Türpe.

Gedreht wurde an vier Tagen im Dezember. Tagsüber lief der reguläre Spielbetrieb mit dem Weihnachtsstück „Die wunderbare Reise des Nils Holgersson“, abends und nachts übernahm die Filmcrew das Haus. Das Kinderstück-Bühnenbild wurde abgebaut, historische Straßenlaternen für die Tschechow-Szenen aufgebaut. Einschränkungen für das Theaterpublikum gab es dadurch nicht, teilte das Theater mit.

Hinter den Kulissen aber herrschte Ausnahmezustand. „Ich habe das Theater fast nicht wiedererkannt. Auf einmal musste ich an einem Ort, an dem ich seit sieben Jahren arbeite, wieder nach dem Weg fragen“, erzählt Ensemblemitglied Lilly Gropper, die auch mitwirkte. „Die Kantine war plötzlich ein Aufenthaltsraum, die Stimmzimmer waren Maske und Garderobe, und überall waren Leute.“

Auch das Spiel vor der Kamera bedeutete eine Umstellung. „Film ist ganz viel Warten und ganz viel Technik“, sagt Türpe. Bei dem rund neunstündigen Dreh mussten sie auf millimetergenaue Markierungen, Haltung und Blickwinkel achten, damit der Kameraanschnitt passte. Ihre Stimmen mussten sie deutlich herunterfahren, weil Kamera und Mikrofone dicht vor dem Gesicht hängen. Anders als im Theater, wo auch das Publikum in den letzten Reihen den Dialog hören will.

Auch der Druck sei ein anderer als auf der Bühne, sagt Gropper: „Man will natürlich nicht die eine Person im Hintergrund sein, wegen der das gesamte Team eine Einstellung noch einmal drehen muss. Ich glaube, wir waren alle ziemlich aufgeregt vor dem Drehtag.“

Zeichnet Doris Dörrie ein realistisches Bild des Theaterlebens? „Es ist schon gut getroffen“, sagt Türpe. Denn die im Film gezeigten Rückblenden spielen im Jahr 1990. „Als moderne Inszenierung wirkt das wegen der Pelzmäntel heute vielleicht eher wie ein Theaterklischee, heute würde man Tschechow natürlich zeitgemäßer anlegen.“

Für das Theater Lübeck ist der Kinostart ein Gewinn. Caspar Sawade, Geschäftsführender Theaterdirektor, sagt: „Das Theater Lübeck deutschlandweit und darüber hinaus auf die Kinoleinwand und zu renommierten Festivals zu bringen, ist eine enorme Chance, das schönste Jugendstiltheater des Nordens sichtbar zu machen und zu einer Reise nach Lübeck zu inspirieren.“ und JOP



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