Lübecker reißen sich umdie Sitzbänke aus St. Marien
Vor der großen Sanierung wird das Kirchenschiff geräumt – Bürger sichern sich Eichenbänke ab 400 Euro als Andenken.

Das Ehepaar Bärbel und Jens Schröder-Ostmann transportiert die ersteigerte Kirchenbank aus St. Marien ab.Fotos: Agentur 54°
Lübeck. Es ist schon eine echte Kraftanstrengung. Das sieht man den Mienen von Bärbel und Jens Schröder-Ostmann an, als sie die massive Eichenholz-Bank anheben. Gemeinsam mit einem Freund wuchten sie das sperrige Möbelstück aus dem altehrwürdigen Kirchenschiff von St. Marien in Lübeck in Richtung Ausgang. Draußen wartet bereits ein geräumiger Kleintransporter mit geöffneten Türen auf die gewichtige Fracht.

Es ist ein ungewohntes Bild in diesen Tagen: Die historischen Kirchenbänke verlassen ihr angestammtes Zuhause. Weil die berühmte Lübecker Innenstadtkirche vor einer jahrelangen, hochkomplexen Sanierung steht, bei der unter anderem der Boden des mehr als 800 Jahre alten gotischen Großbaus komplett aufgenommen werden muss, muss der sakrale Bau vollständig vom Sitzmobiliar befreit werden.

Die Lösung: Die rund 100 Bänke werden verkauft, um mit dem Erlös die immensen Kosten der Rettung des Bauwerks zu stützen. Und die Versteigerungsaktion schlägt in der Hansestadt hohe Wellen. „Die Hälfte der verfügbaren Bänke war schon Anfang der Woche verkauft. Jetzt werden die Bänke Stück für Stück abgeholt“, berichtet Marienpastor Robert Pfeifer.

„Das scheint bei den Menschen wirklich viel auszulösen. So dieses Stück Lübecker Geschichte mit nach Hause zu nehmen“, sagt er. Und er ist optimistisch, dass in den verbleibenden fünf Wochen alle weg sind. Das Startgebot für eine Bank – zwei oder zweieinhalb Meter lang – liegt bei 400 Euro. Nach oben hin existiert verständlicherweise keine Grenze. „Es gibt auch eine Reihe von Leuten, die gleich mehr bieten und uns sagen: ‚Ich lege noch einen Hunderter drauf‘ oder 200 oder noch mehr“, so der Pastor.

Genau so ein geschichtsträchtiges Unikat haben Bärbel und Jens Schröder-Ostmann für ihr neues Haus in der Sperlingsgasse in St. Gertrud gesucht. Als die Seniorin in den LN von der Versteigerung las, stand ihr Entschluss sofort fest: „Das ist genau das, was ich will. Das ist eine Kirche, die ich kenne.“ Früher machte sie hier Führungen mit Vorschulkindern, und Gottesdienste in St. Marien sind dem Paar auch vertraut.

„Lübeck ist zu unserer Heimatstadt geworden“, erzählt das Duo. Nun soll die Bank in den breiten Flur des Hauses einziehen, „der wirklich danach schreit, dass dort eine lange Bank steht“. Auch Stefan Otte, Leiter der Kunst- und Musikschule Lübeck, hat zugeschlagen und gleich zwei Exemplare erstanden. „Die eine kommt wohl ins Foyer im Erdgeschoss, und die andere oben in den Wartebereich im ersten Stock“, berichtet er.

Einen weiten Weg haben die Bänke des Künstlerehepaars Dagmar Calais und Chris Steinbrecher vor sich, die derzeit in der Marienkirche ausstellen und ihr Möbelstück mit einem Transporter an die Weser bringen. „Wir dachten, das ist eine tolle Erinnerung an diesen wunderbaren Raum hier. Und dann nehmen wir ein Stück St. Marien mit zurück nach Bremen.“ Im Gemeinschaftsbereich ihres Künstlerhauses soll das Eichenholz künftig stehen.

Bis Ende Oktober muss das Kirchenschiff leergeräumt sein; im November schließen sich die Türen. Eine reine Einlagerung der Bänke für die wahrscheinlich bis zu fünf Jahre andauernde Sanierung wäre zu kostenintensiv gewesen. Zudem steht eine Neugestaltung des Innenraums mit flexiblem Sitzmobiliar an.

Bis zur großen Schließung und der letzten abendlichen Abschiedsmöglichkeit am Sonnabend, 30. Oktober, besteht noch die Chance zum Besuch. „Niemand muss übrigens befürchten, bei den letzten Gottesdiensten im Kirchenschiff stehen zu müssen. Wir werden vorher den Leerraum mit vielen Einzelstühlen füllen“, verspricht Marienpastor Robert Pfeifer. mho
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