Die Wakenitz steht unter Druck
Überdüngung lässt Wasserpest explosionsartig wachsen – Experten warnen vor schnellen Lösungen.

Podiumsdiskussion zum Zustand der Wakenitz: Sabine Jebens-Ibs (Nabu) moderiert (links), Ute Obel (Bereichsleiterin für Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz der Hansestadt Lübeck) und Joachim Schulz (Mitglied des Naturschutzbeirats) stehen Rede und Antwort.
Lübeck. Es sind alarmierende Worte: „Maßnahmen müssen ergriffen werden“ – „Das Ökosystem steht unter Druck“ – „Wir lösen das Problem nicht in fünf Jahren“. Die Sätze fallen in der Aula der Volkshochschule (VHS) am Falkenplatz in Lübeck. Die Fraktion Linke und GAL hat zu einer Infoveranstaltung zum Thema „Wie geht es der Wakenitz?“ geladen. Auskunft geben an diesem Abend die Bereichsleiterin für Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz der Hansestadt Lübeck, Ute Obel, und Joachim Schulz, Mitglied des Naturschutzbeirats.

Die Aula ist voll, sehr voll sogar. Viele interessierte Bürger sind gekommen. Zu viele. Wer keinen Sitzplatz ergattern konnte, muss aus Brandschutzgründen wieder gehen. Unmut macht sich breit. Fast zwei Stunden wird erklärt und diskutiert, an manchen Stellen wird es hitzig. Es geht um die Wasserpest, die sich in diesem Jahr extrem ausgebreitet hat und den Fluss verkrautet. Giftig ist die Pflanze nicht, lebensgefährlich allerdings für Schwimmer und Wassersportler, wenn sie sich darin verfangen.

Ursachen für die starke Ausbreitung gibt es viele: Überdüngung (Eutrophierung) ist das Stichwort. Über Zuläufe gelangen zu viele Nährstoffe – vor allem Phosphor und Stickstoff – in den Fluss. Meist stammt dieser Eintrag aus der Landwirtschaft und aus Niederschlägen. Folgen: Die Nährstoffe lassen Wasserpflanzen wie die Wasserpest explosionsartig wachsen. Die Gefahr: Wenn diese riesigen Pflanzenmassen absterben und verrotten, entziehen sie dem Wasser viel Sauerstoff. Das Gewässer erstickt, die Artenvielfalt schwindet und der Fluss verlandet.

Weitere Kernprobleme sind steigende Temperaturen durch den Klimawandel, sinkende Grundwasserbestände sowie ein starker Nutzungsdruck auf Gewässer und Ufer durch Freizeit, Erholung und Flächennutzung. „Ursachen und dann auch Lösungen müssen allerdings im gesamten Einzugsgebiet der Wakenitz ausgemacht und entwickelt werden“, sagt Obel. Und Schulz betont, dass es langfristige Lösungen braucht: „Die Zeit ist reif für Veränderungen, das ist nicht zu übersehen.“ Doch immer wieder fragen die Zuhörer nach konkreten Maßnahmen, wollen Antworten. Am Ende der Veranstaltung bleibt trotzdem die Frage: Und nun?

Die Stadt hat bereits ein Sanierungskonzept zur nachhaltigen Verbesserung der Gewässerqualität in der Wakenitz und zur Förderung der Biodiversität beschlossen. Obel stellt die darin enthaltenen kurz-, mittel- und langfristigen Schritte vor: Dazu gehören unter anderem Uferrenaturierung, Schilfpflanzungen, länderübergreifende Reduktion von Nährstoffeinträgen, Moorwiedervernässungen, intelligentes Abwassermanagement.

Joachim Schulz begrüßt diesen ganzheitlichen Ansatz und weist auf die spezifischen Belange hin. „Wir haben hier einen außergewöhnlichen und hochsensiblen Erholungsraum, doch seit Jahrzehnten steht er unter Druck. Hinzu kommt: Alle Belastungen sind menschengemacht“, sagt Joachim Schulz. „Mit einem Schlag lassen sich all die Probleme leider nicht lösen.“

Die Forderung, dass die Stadt das massenhafte Aufkommen der Wasserpest eindämmen soll, indem sie die Pflanzen großflächig aus dem Wasser entfernen lässt, lehnt Schulz vehement ab: „Das löst nicht die Ursache und beseitigt das Problem nicht langfristig. Wenn sie eine Pflanze abschneiden, kommen 20.000 nach.“ Das Ausbaggern der Wakenitz, um den Schlamm zu entfernen und eine Verlandung zu reduzieren, ist ebenfalls keine Option für Schulz – im Gegenteil: „Das ist ein schweres Eingreifen in das bestehende Ökosystem. Irreversibel und eine dramatische Veränderung, die kein anderes Leben mehr zulässt.“

Das Publikum hört zu, wird stellenweise aber auch ungeduldig. Eine Zuhörerin unterbricht: „Das hört sich für mich alles nach einer Vogel-Strauß-Taktik an. Das war immer so, wir können es nicht ändern.“ Beifall. Die anwesenden Bürger wollen, dass etwas getan wird, und lassen Schulz und Obel ihren Unmut spüren.

Der Stadt fehlten die notwendigen personellen Ressourcen und auch das Geld, fasst GAL-Politikerin Katja Mentz am Ende zusammen. Und auch Schulz bemängelt: „Was fehlt, ist der politische Wille. Wir müssen ins Handeln kommen, und dafür brauchen wir Frau- und Mannpower.“

Erste Reaktionen am Tag danach: Der Verein Naturbäder Lübeck kritisiert die Informationsveranstaltung: „Es fehlen konkrete kurzfristige Lösungen zur Verbesserung der Wasserqualität“, sagt Vorsitzender Andreas Pawlowski: „Über die Frage, wie Naturschutz in Einklang mit der vielfältigen Nutzung durch Schwimm- und Wassersport sowie der Schifffahrt funktionieren kann, wurde gar nicht gesprochen. Es war ein aus Sicht der Naturbäder und der Anlieger enttäuschender Abend.“

Nici Mende vom geplanten Verein „Mehr Wakenitz“ kritisiert: „Die Problematik des Nährstoffeintrags wurde wieder in den Vordergrund gestellt, obwohl diese bereits vor fünfzig Jahren bestand und nachweislich nicht das Problem des Landschaftsschutzgebietes im Raum Lübeck sein kann.“ Der Verein plant nun einen offenen Brief an die Stadt.und Katharina Hertzberg



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