Rehe in Lübecks Gärten: Was ein Stadtjäger rät
Naturnahe Grünflächen locken die Tiere vermehrt an – Sie fressen Rosen, junge Triebe, Beeren – Hartmut Egdmann gibt Tipps.

Wildtiere sind nicht mehr nur in der Natur unterwegs. Sie kommen immer öfter auch in die Städte. In Lübeck sind sie in Gärten, Kleingartenanlagen und auf Friedhöfen unterwegs (Symbolfoto).Foto: privat/WhatsApp
Lübeck. Stadtjäger Hartmut Egdmann zeigt Fotos von Fraßspuren in einem Garten in Kücknitz. „Das waren Rehe“, sagt der 75-Jährige. „Wildtiere kommen immer näher in die Stadt. Sie haben gelernt: Wo der Mensch ist, gibt es Futter und es ist sicher.“

Alle Stadtteile in Lübeck, ausgenommen die Innenstadt, sind betroffen. Vor allem aber Wohnviertel mit Nähe zu Wald und Feld. „Israelsdorf, Karlshof, die Teutendorfer Siedlung in Travemünde, Kücknitz oder Moisling“, zählt Hartmut Egdmann auf. Die Tiere sind nicht nur in Hausgärten und auf Friedhöfen, sondern vor allem in Kleingartenanlagen unterwegs.

Doch warum kommen die Rehe in die Gärten? „Die Lieblingsspeise von Rehen sind Rosen“, sagt Egdmann, „und wo finden sie die? Garantiert nicht im Wald.“ Laut Egdmann sind Rehe Feinschmecker. Ebenso wie in freier Wildbahn, fressen sie auch in den Gärten am liebsten die jungen Triebe.

Beim Fressen sind die Tiere wählerisch. „Mein Nachbar hatte Stiefmütterchen gepflanzt. Das ging so lange, bis die Rehe das spitzbekommen haben. Sie haben aber nur die gelben Blüten gefressen, die blauen haben sie stehen gelassen“, erzählt der Stadtjäger.

Doch was kann man machen? „Wer im Grünen lebt, muss damit rechnen, dass Tiere vorbeikommen“, sagt der Lübecker. Dennoch gibt er Tipps. Ein Zaun kann helfen, er sollte mindestens 1,50 Meter hoch sein. Ein Garant ist das nicht. Auch Schafwolle am Zaun könne helfen. „Rehe mögen keine Schafe, es wäre einen Versuch wert“, so Egdmann.

Dass es grundsätzlich mehr Tierbesuche in Stadtnähe gibt, liege an der Gartengestaltung. „Die Menschen lassen ihre Gärten naturnäher, es darf mehr wachsen als früher, als die Gärten nur aus Rasenflächen bestanden“, sagt er.

In der Kleingartenanlage „Am Bertramshof“ haben Gartenbesitzer zuletzt eine Ricke und Kitze beobachtet, auch ein gehörnter Bock streifte durch die Parzellen. Frische Baumtriebe, Erdbeeren, Blumen – die Rehe ernten geradezu akribisch immer wieder das, was ihnen gerade mundet.

Stadtjäger Egdmann, der auch Kammerjäger ist, bekommt nicht selten Anrufe von Lübeckerinnen und Lübeckern, die ein Reh oder Kitze im Garten haben. Zuletzt steckte ein Tier in einem Gartentor fest. „Wäre es verletzt gewesen, hätte ich es erschießen müssen“, sagt er.

Aber so war es nicht. Es war eine Ricke, die mit ihrem Kitz einen Ausflug in den Garten gemacht hatte. Als die beiden fliehen wollten, ist das Kitz durch das Tor geschlüpft. Die Mutter wollte hinterher und ist mit der Hüfte stecken geblieben, berichtet er.

„Ich habe erst mal alle Leute weggeschickt“, betont Egdmann, „Menschen bedeuten für das Tier Todesangst, vor allem wenn sie Hunde dabei haben. Das ist reine Tierquälerei.“ Als sich das Reh beruhigt hatte, zog er sich Handschuhe an, ging langsam näher und half dem unverletzten Muttertier vorsichtig durch die Zaunbretter. „Zack, war es weg“, sagt er und ist immer noch froh, dass er helfen konnte.

Auch wenn Kitze allein aufgefunden werden, sagt er: „Unbedingt in Ruhe lassen! Nicht anfassen. Einfach liegen lassen. Ich sage den Leuten immer: ‚Wenn es morgen noch da ist, rufen Sie mich an.‘ Ich habe noch nie einen weiteren Anruf bekommen.“

Nicht nur Rehe sind in der Stadt unterwegs. Auch Waschbären und Wildschweine bringen Lübeckerinnen und Lübecker immer wieder zur Verzweiflung. In der Serie „Wildtiere in der Stadt“ sprechen die Lübecker Nachrichten mit Betroffenen und fragen Stadtjäger um Rat. Die Geschichten erscheinen in loser Folge. und KÜ
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