Aus dem Dornröschenschlaf zurück ins Rampenlicht
Seit 100 Jahren gibt es die Freilichtbühne in Lübeck – In den 1990er-Jahren unter jeder Menge Wildwuchsentdeckt – Und zum Leben erweckt.

Marie Sommerfeldts Herz schlägt genauso leidenschaftlich für das Theater wie das ihres Vaters Willi Zander.Foto: Kerstin Steinert
Lübeck. Wikipedia liegt falsch. Die Lübecker Freilichtbühne in den Wallanlagen soll erst kommendes Jahr 100 Jahre alt werden. Doch ein Stein beweist etwas anderes. Marie Sommerfeldt, die Leiterin der Freilichtbühne Lübeck, geht schnurstracks auf den Stein am Eingang der Bühne zu. „Hier steht es: 1926. Unsere Freilichtbühne ist jetzt 100 Jahre alt“, sagt sie. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit.

In den Grundstein ist eingraviert: „Diese Freilichtbühne wurde 1926 erbaut aus Spenden der Firmen Lübeck-Büchener Eisenbahn-Gesellschaft, Drägerwerk Lübeck, Katz & Klumpp AG Lübeck-Schlutup.“ Der Wikipedia-Eintrag ist also nicht richtig.

Über diese Unstimmigkeit ärgert sich Marie Sommerfeldt jedoch nicht. Es belustigt die quirlige 46-Jährige eher. Denn sie liebt ihre Arbeit. „Mein kleines Familienunternehmen“, wie sie den Betrieb der Bühne nennt. „Vor 35 Jahren hat mein Vater die Bühne aus dem Dornröschenschlaf geweckt“, erzählt sie, während sie von oben auf die Freilichtbühne mitten im Grünen blickt.

Damals war Marie Sommerfeldt elf Jahre alt, als ihr Vater die Bühne nach und nach vom Wildwuchs der Natur befreite. Dabei kamen alte Holzbänke zum Vorschein. „Einige waren gebrochen, aber man hat erkannt, dass dort mal ein Theater war“, sagt der heute 83-Jährige.

Dabei war die Suche nach einem Spielort, wie er ihn sich vorstellte, gar nicht so einfach. In den 1990er-Jahren arbeitete Zander als Chef-Stuntman bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg. Nach Saisonende wollte er aber weiter auf der Bühne stehen und suchte eine geeignete Spielstätte.

Ein Schauspieler aus dem Segeberger Ensemble erzählte ihm schließlich von einer Bühne in den Wallanlagen in Lübeck. Also machte sich Zander auf den Weg nach Lübeck und fand die alte Bühne. Nach kurzen Verhandlungen mit der Stadt konnte er sie pachten – der Vertrag besteht bis heute.

Die Leidenschaft für das Theater und die Bühne liegt offenbar in den Genen der Familie. Denn auch Marie Sommerfeldt hat ihr Leben lang entweder in Bühnenstücken gespielt oder hinter der Bühne mitgeholfen. „Das erste Stück, bei dem ich hier in Lübeck gespielt habe, war ‚Ali Baba‘“, erzählt sie rückblickend. Dennoch lernte sie zunächst Krankenschwester und arbeitete in diesem Beruf. 2024 übernahm sie die Theaterleitung von ihrem Vater.

Und Vater Willi? Hat er sich zur Ruhe gesetzt und genießt die Bühne jetzt auf einem der 1200 Zuschauerplätze? Nicht die Bohne. „Mein Vater kann nicht nichts tun“, sagt sie und ruft laut nach ihm. Ihre Stimme hallt durch das ganze Rund. Von irgendwo kommt die Antwort: „Der fährt das Laub weg.“ Sie zuckt mit den Schultern. So ist er eben.

Täglich ist er noch im Theater, harkt Laub oder repariert etwas. Auch ihre Mutter Beate ist jeden Tag hier. Sie putzt, räumt auf und nimmt Bestellungen an. Ein kleiner Familienbetrieb seit 35 Jahren. Doch neben der Familie Zander/Sommerfeldt gibt es viele weitere helfende Hände. „Wir sind wie eine tolle große Familie. Bis zu 20 Leute arbeiten hier: Freunde und Schauspieler. Es ist ein unglaubliches Team. Das soll auch lange noch weitergehen“, sagt Marie Sommerfeldt.

Jedes Jahr werden auf der Bühne zwei Stücke aufgeführt: ein Kinderstück und ein Krimi. In diesem Jahr unterhält „Pettersson und Findus“ die Kinder, für die Erwachsenen gibt es „Sherlock Holmes – Im Schatten des Empires“. Bis zum 5. September ist „Sherlock Holmes“ freitags und samstags zu sehen, „Pettersson und Findus“ jeweils freitags, samstags und sonntags bis zum 6. September.

„Die Schauspieler lieben es hier. Sie gehen richtig in den Rollen auf“, sagt Sommerfeldt, als sie in die Garderobe der Frauen führt. Dort hängt an der Wand ein Rätsel. „Unser Sherlock-Schauspieler Alexander Felix Obe denkt sich jedes Jahr ein Rätsel für die Kollegen aus. Wer es löst, bekommt eine Überraschung von mir“, sagt sie.

Der Zusammenhalt ist auf der Freilichtbühne überall spürbar. Das zeigt sich auch an den Kulissen. Das „Schloss“ in der Mitte der Bühne zum Beispiel ist das älteste Gebäude. „Das ist ungefähr zehn Jahre alt“, schätzt Sommerfeldt. Es hat in Lübeck seine zweite Heimat gefunden. Zuvor diente es in Ralswiek auf Rügen als Kulisse bei den Störtebeker-Festspielen.

„Peter Hick (Theaterleiter der Festspiele, d. Red.) ist einer der besten Freunde meines Vaters“, sagt sie. „Wenn dort die Kulissen ausgetauscht werden, bekommen wir die manchmal.“ So kommt es, dass drei der vier Kulissengebäude zunächst Piraten als Unterschlupf dienten und heute von Sherlock Holmes und Dr. Watson durchsucht werden.

Und wie geht es mit der Bühne weiter? „Wir haben hier immer zu tun. Wenn wir an einem Ende etwas ausgebessert haben, können wir an einer anderen Ecke weitermachen“, sagt Marie Sommerfeldt. Dafür leben die 46-Jährige, ihre Eltern und ihre Theaterfamilie. und KST
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