Wakenitz: Pflanzenmassen belasten Naturbäder
Das extreme Wachstum wird für Falkenwiese und Marli zum Dauerproblem – Lübeck sieht Betreiber in der Pflicht.

Stefan Borchardt schaufelt im Naturbad Falkenwiese Pflanzenreste in eine Schubkarre. Steht der Wind ungünstig, sind es bis zu 20 Schubkarren am Tag.Foto: Cosima Künzel
Lübeck. Dicke grüne Schlieren und Pflanzenteile treiben auf der Wasseroberfläche der Wakenitz – auch in der Nähe der Naturbäder Falkenwiese und Marli. Algen und Wasserpflanzen, wie die invasive Wasserpest, sind dieses Jahr extrem gewuchert. Jetzt schlagen die Naturbäder Lübeck Alarm und klagen die Stadt an.

„Wir kommen nicht mehr gegen die Wasserpest an“, sagt Andreas Pawlowski, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Naturbäder Lübeck. Jahreszeitlich bedingt, lösen sich Massen von Pflanzen vom Boden und treiben bei ungünstigen Winden in die Bäder. Rechts und links der Außenstege schwimmen große Pflanzenteppiche, „die in der Sonne vor sich hingären und anfangen zu stinken“, betont der Vorsitzende.

Pawlowski ist frustriert: „Es kann nicht sein, dass wir permanent mit der Entsorgung der Pflanzen alleingelassen werden. Das ist doch Aufgabe der Stadt? Die Badegäste finden es inzwischen auch unglaublich, dass sich niemand dafür verantwortlich fühlt.“

Frauke Diederichs (61) ist Stammgast an der Falkenwiese. Sie steht am Beckenrand und fischt mit einer Harke Pflanzenteile aus dem Nichtschwimmerbecken. „Ich finde es furchtbar, dass es so weit kommen musste“, sagt sie. „Das ist doch nicht mehr normal, was wir hier erleben.“

Positiv sieht sie, dass die Badegäste gemeinsam aktiv werden. „Viele sammeln beim Schwimmen Pflanzen aus dem Wasser“, berichtet sie. Grundsätzlich wünscht sie sich, dass mehr Ursachenforschung betrieben wird und Maßnahmen vorangetrieben werden. „Man könnte beispielsweise Green-Kajaks zum Einsammeln der Pflanzenreste nutzen“, schlägt die Lübeckerin vor. Derzeit wird damit ausschließlich Müll gesammelt.

Je nach Wetterlage ist die Pflanzenmenge in den Becken immens. „Wenn der Wind ungünstig steht, kommen 20 Schubkarren zusammen“, sagt Stefan Borchardt vom Naturbad Falkenwiese. Derzeit fährt er das Grün auf den Kompost im Schulgarten. „Im Naturbad Marli holt der Bereich Stadtgrün immerhin die Pflanzen ab, die neben den Müllcontainern liegen“, sagt Pawlowski.

Der Ärger an der Falkenwiese und auf Marli ist ein Symptom für ein größeres Problem: Der Wakenitz geht es schlecht. Pflanzen wie die Schmalblättrige Wasserpest und Krauses Laichkraut wachsen jedes Frühjahr rasant. Teils explosionsartig 70 Zentimeter innerhalb einer Woche.

Denn die Wasserpflanzen sind typische Anzeiger für zu viele Nähr- und Schadstoffe im Wasser. Diese Einträge stammen primär aus der Landwirtschaft und der Niederschlagsentwässerung, was zu einem beschleunigten Wachstum (Eutrophierung) führt. Die Stadt hat inzwischen ein Sanierungskonzept erarbeitet, das von Umweltpolitikern und Naturschützern begrüßt wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Wakenitz aufgestaut wurde. Nährstoffe sammeln sich in dieser Senke und das Aufstauen fördert die Verlandung.

Die Folgen sind gravierend. Laut Naturschützern schwindet die Artenvielfalt massiv: Singvögel, Muscheln, Schnecken und Kleinfische wie der Bitterling verschwinden, da unter anderem das Wasserschilf als Lebensraum zurückgeht.

Die Hansestadt Lübeck weist die Kritik aus den Naturbädern zurück und sieht die Einrichtungen selbst in der Pflicht. Massive Pflanzenansammlungen seien ein „jahreszeitlich typisches Phänomen eines naturnahen Fließgewässers“, teilt Hansjörg Wittern, stellvertretender Pressesprecher, mit. Die Wasserpest profitiere von viel Sonne und Nährstoffen. Wind und Strömung würden die abgelösten Gewächse dann unweigerlich in die Badebereiche treiben, heißt es.

Einer Beseitigung durch die Kommune erteilt die Stadt eine ganz klare Absage. „Die Unterhaltung und Pflege der eigentlichen Badebereiche obliegt grundsätzlich den jeweiligen Betreibern im Rahmen ihres Badebetriebes“, erklärt Wittern. „Eine allgemeine Verpflichtung der Hansestadt Lübeck, angeschwemmte Wasserpflanzen aus den Badebereichen zu beseitigen, besteht nicht.“ Die Verwaltung betont zudem den Charakter der Anlagen: „Anders als in einem künstlich betriebenen Schwimmbecken gehören natürliche Einflüsse wie Wasserpflanzen, Algen, Laub oder andere organische Einträge zum Charakter eines Flussbades.“ Das lasse sich schlicht nicht vermeiden.

Zudem verbieten sich laut Stadt drastische Maßnahmen, da die Wakenitz ein geschütztes Gebiet ist. Eine flächendeckende Entfernung der Vegetation sei ökologisch und wasserrechtlich „weder zielführend noch zulässig“. Die Wasserpflanzen seien für das Ökosystem unverzichtbar, da sie Sauerstoff produzieren, die Gewässersohle stabilisieren und Lebensraum bieten.

Trotz der Zurückweisung der Zuständigkeit stehe man über die Wasser- und Naturschutzbehörden mit den Bädern im Austausch, um „außergewöhnliche Entwicklungen“ fachlich im Blick zu behalten. und KÜ

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