Kinderschützer sehen mehr Hochrisiko-Fälle
Kinderschutz-Zentrum in Lübeck registriert steigende Zahl akuter Gefährdungen – Fachkräfte arbeiten zum Selbstschutz im Tandem.

Die Fälle von häuslicher Gewalt steigen in Schleswig-Holstein. Lübeck ist trauriger Spitzenreiter. Immer öfter sind Kinder davon betroffen.Foto: Patrick Pleul
Lübeck. Ihre Arbeit wird gefährlicher. Im Kinderschutz-Zentrum Lübeck werden immer mehr Familien betreut, die als Hochrisiko-Fälle eingestuft werden. Das Risiko steigt nicht nur für die Kinder in den betroffenen Familien, sondern auch für die Beraterinnen und Berater des Kinderschutz-Zentrums.

„Immer mehr Fälle in hoher oder höchster Eskalationsstufe kommen im Kinderschutz-Zentrum an“, heißt es im Jahresbericht der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Inzwischen würden 23 Prozent aller Beratungsfälle vom Jugendamt und elf Prozent der Fälle vom Familiengericht oder der Polizei an die Hilfseinrichtung in der Ziegelstraße überwiesen.

Kinder in diesen Familien seien akut von Gewalt bedroht. Aber auch Frauen. Es komme auch zu Femizid-Androhungen, berichtet die Beratungsstelle im Jahresbericht. Zum Selbstschutz arbeiten die Fachkräfte des Kinderschutz-Zentrums häufig im Tandem.

„Viele Familien stehen

unter Druck“

497 Fälle wurden im vergangenen Jahr beraten. 803 Kinder und Jugendliche waren betroffen. Viele Familien suchen auf eigene Initiative Hilfe. Aber auch Staatsanwaltschaft, Ärzte und Therapeutinnen sowie Schulsozialarbeiter nehmen Kontakt zur Awo-Beratungsstelle auf.

„Die Lebenssituationen vieler Familien werden immer komplexer“, sagt Chris Mull, Geschäftsbereichsleiterin für Jugend und Familie bei der Awo. „Hohe Lebenshaltungskosten, Existenzängste, Wohnraummangel und andere gesellschaftliche Krisen setzen viele Familien unter Druck.“

Kinder würden dadurch häufiger Gewalt und Grenzüberschreitungen im eigenen Zuhause erleben. Das bestätigt Martina Bordukat, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle in der Ziegelstraße: „Wir erleben in unserer täglichen Praxis, dass die Belastungen für Familien massiv zunehmen.“

Von Gewalt traumatisierte Kinder bräuchten schnell einen Therapieplatz, sagt Martina Bordukat. Tatsächlich müssten sie oft monatelang darauf warten. „Eine Siebenjährige, die sexuelle Gewalt erlebt hat, kann nicht bis zum neunten Lebensjahr auf eine Therapie warten“, erklärt die stellvertretende Leiterin.

Das Kinderschutz-Zentrum bietet kostenfreie und vertrauliche Beratung an. Ratsuchende können sich telefonisch (0451/78881) oder über das Internet (www.kinderschutz-zentrum-luebeck.de) an die Fachkräfte wenden. Die SPD-Landtagsabgeordnete Sophie Schiebe hat eine Spende der Partei überreicht. Das Geld fließe direkt in die Beratungsarbeit, erklärt Martina Bordukat. und DOR
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