Schüchternheit ist keine Schwäche
Lübecker Ärztin und Autorin veröffentlicht neues Buch – In „Chamäleonrot“
erzählt Johanna Klement von einem Kind, das lieber beobachtet.

Johanna Klement aus Lübeck ist Ärztin und Autorin. In diesem Jahr erscheinen fünf neue Bücher von ihr.Foto: Agentur 54°
Lübeck. Das Kind beobachtet gern. Es sieht jede noch so kleine Raupe auf der Straße. Sein Lieblingstier ist das Chamäleon. Es ist lieber leise als laut, spricht nicht gern mit Fremden und will nicht jedem Menschen „Hallo“ sagen.

Erwachsene würden vielleicht sagen: „Das Kind ist schüchtern.“ Das Thema Schüchternsein, wie Autorin Johanna Klement (47) es in ihrem neuen Bilderbuch „Chamäleonrot – Eine Geschichte übers Schüchternsein“ beschreibt, begleite sie seit ihrer Kindheit. „Ich war ein sehr schüchternes Kind und wurde dahin gedrängt: ‚Jetzt trau dich doch mal, jetzt sei doch mal mutiger, komm mehr aus dir heraus.‘“ Doch dieser Schalter lasse sich für schüchterne Menschen nicht einfach so umlegen.Klement ist Ärztin und Autorin mehrerer Bilder-, Kinder- und Jugendbücher. Ihr Buch „Von Rotze bis Kotze: Die flüssigen Superkräfte deines Körpers“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Außerdem schreibt sie als Medical Writer wissenschaftliche Texte für ein Fachpublikum. In diesem Jahr erscheinen fünf neue Bücher der Autorin.

Es sind „Herzensthemen“, die sie in ihren Büchern bearbeitet, sagt Klement. „Gerade bei den Bilderbüchern sind es oft Themen, die für mich relevant sind oder für uns als Familie oder im Freundeskreis.“

Ihr größter Wunsch in diesen Situationen sei es gewesen, unsichtbar zu werden. Dann würde sie niemand ansprechen: Der Kellner würde nicht wissen wollen, wie das Essen geschmeckt habe, oder Kinder auf dem Spielplatz würden nicht fragen, ob sie mit den Förmchen spielen können.

Chamäleons können sich nicht tarnen

Ein Chamäleon müsste man sein. Doch bei ihrer Recherche fand die Wissenschaftlerin heraus, dass Chamäleons gar nicht vollständig mit ihrer Umgebung verschmelzen. Ihre Farbwechsel seien Reaktionen auf Stress, Hitze oder Angeberverhalten.Für ihr Buch verwarf die Lübeckerin die Assoziation nicht, sondern sah eine Parallele zu dem Kind aus dem Buch. Denn Schüchternheit sei keine Schwäche. „Häufig gehen andere Charaktereigenschaften mit einher, die unglaublich wertvoll sind, wie gutes Beobachten, einfühlsam sein, andere Leute lesen zu können oder die Stimmung im Raum zu bemerken.“In den reichen Illustrationen von Dorothea Blankenhagen gibt es kleine Details, die Spaß machen, wenn man sie entdeckt. Sei es ein kleiner Marienkäfer, der zur Klingel des Fahrrades wird, oder die Umrisse des Chamäleons, das in seinem Terrarium gar nicht so einfach zu entdecken ist.

Lesespaß
wichtiger als MoralDer Lesespaß gelingt auch durch die Diversität, die sich durch das Buch zieht. Für Klement ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sich möglichst viele Menschen in den Geschichten wiedererkennen sollen. Im Haus, in das das Kind und seine Mutter einziehen, öffnen eine ältere Dame, eine Frau mit Kopftuch, eine Frau mit dunkler Hautfarbe und ein Vater mit seinem Kind die Tür. Zudem ist dem Kind kein Name und kein Geschlecht zugeordnet. „Wir haben versucht, es offenzuhalten, um möglichst eine große Identifikationsfläche zu haben für die lesenden Kinder“, sagt Klement.In ihren Büchern möchte die Lübeckerin Kindern keine direkte Moral mitgeben – wenn jemand eine mitbekomme, dann seien es die Eltern –, sie will ein schönes Leseerlebnis schaffen. „Wenn gleichzeitig danach ein schönes Gefühl beim Kind entsteht, das vielleicht ein wenig schüchtern ist, und danach den Fehler nicht bei sich sehen würde, das würde mich sehr freuen.“
Als im Buch die Mutter und das Kind ganz oben im Haus bei Herrn Leander klingeln, lernen sie noch jemanden kennen: ein Chamäleon. und JOP
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