Ein Wald, der auf
natürliche Prozesse setzt
Damals entschied man sich für den Lübecker Stadtwald bewusst gegen die üblichen Wege der industriellen Forstwirtschaft. Statt Monokulturen anzulegen oder durch Kahlschläge zu bewirtschaften, wurden die vorhandenen Nadelholzbestände behutsam und kleinflächig in stabile, heimische Laubmischwälder umgebaut. Ziel war und ist es, den Wald als funktionierendes Ökosystem zu stärken – mit geschlossenen Beständen, feuchten Waldböden, hoher Artenvielfalt und einer natürlichen Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel.
Heute zeigt sich, wie weitreichend diese Entscheidung war. Während vielerorts über Waldschäden, Dürrefolgen und den Verlust großer Fichtenbestände diskutiert wird, profitiert der Lübecker Stadtwald von Jahrzehnten naturnaher Entwicklung. Der Wald wird dabei nicht primär als Holzlieferant verstanden, sondern als komplexes Ökosystem, dessen Gesundheit und Stabilität an erster Stelle stehen. Mit dieser Haltung ist der Lübecker Stadtwald schon längst nicht mehr allein. Die Forstwelt bildet Netzwerke und Interessengruppen, um voneinander zu lernen, und weitere Forstbetriebe wenden ebenso das Lübecker Konzept der naturnahen Waldnutzung an.
Eine Fichte erzählt
ihre Geschichte
Wie wertvoll dieser Ansatz ist, macht nun ein außergewöhnliches Kunst- und Designprojekt von Studierenden der Design Academy Eindhoven (Niederlande) sichtbar. Unter dem Titel „80 Jahre – 8 Sekunden – 180 Gramm“ verfolgen sie die Geschichte einer einzelnen Fichte – von ihrem Wachstum über Jahrzehnte bis zu ihrer Nutzung durch den Menschen.
Die Zahlen erzählen eine eindrucksvolle Geschichte: Rund 80 Jahre benötigt eine Fichte, um zu einem ausgewachsenen Baum heranzuwachsen. In nur etwa 8 Sekunden kann sie industriell gefällt werden. Was nach Verarbeitung und Nutzung bleibt, ist oftmals lediglich Asche – die letzte materielle Spur eines Organismus, der über Generationen gewachsen ist.
Von der Asche zur Seife
Genau diese Asche steht im Mittelpunkt des Projekts. Aus der Asche einer Fichte aus dem Lübecker Stadtwald stellen die Studentierenden in einem historischen Verfahren zunächst Lauge und anschließend Seife her. Die Menge der Asche ist begrenzt: Aus einem Baum entstehen lediglich 180 Gramm Seife. Diese kleine Menge wird zum greifbaren Symbol für acht Jahrzehnte Wachstum, für die Lebensgeschichte eines Baumes und für die Frage, wie Gesellschaft und Wirtschaft mit dieser Ressource umgehen.
Die Seife ist dabei weit mehr als ein Produkt. Sie ist ein Denkanstoß. Sie macht sichtbar, wie groß das materielle wie zeitliche Ungleichgewicht zwischen der Natur und den Abläufen konventioneller Forstwirtschaft ist. Sie lädt dazu ein, Holz nicht nur als industriellen kurzweiligen Rohstoff zu sehen, sondern die Lebensspanne eines Baumes zu achten. Gleichzeitig lenkt das Projekt den Blick weg von einfachen Erklärungen wie dem Borkenkäfer als Grund für Waldverluste hin zu den konventionellen forstlichen Strukturen und Nutzungsformen, die selbst die gravierenden Waldschäden verursachen.
Gemeinsam für einen
neuen Blick auf den Wald
Für den Lübecker Stadtwald war die Unterstützung des Projekts deshalb selbstverständlich. Die zentrale Botschaft der Studentinnen und Studenten deckt sich mit der eigenen Haltung: Der Wald ist weit mehr als nur ein Rohstofflieferant. Er ist Lebensraum, Klimaschützer, Wasserspeicher, Erholungsort und ein über Jahrtausende gewachsenes Ökosystem. Holz wird genutzt – aber nur in dem Maße, das ein gesunder und stabiler Wald dauerhaft leisten kann.
Das Projekt wird in den kommenden Monaten durch Fotografien, Filme und weitere Medienbeiträge begleitet. Die Veröffentlichung des Materials ist für den Herbst geplant. Ziel ist es, die Diskussion über den Wert von Wäldern, nachhaltige Nutzung und die unterschiedlichen Zeitskalen von Natur und Wirtschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Einladung zum
Perspektivwechsel
Bis dahin lädt der Lübecker Stadtwald dazu ein, die Botschaft des Projekts selbst zu erleben: bei einem Spaziergang durch die naturnahen Wälder der Hansestadt. Wer zwischen alten Buchen und jungen Mischwäldern unterwegs ist, begegnet nicht nur einem Erholungsraum, sondern einem lebendigen Beispiel dafür, wie vorausschauende Waldwirtschaft über Jahrzehnte hinweg gesunde, vielfältige und klimaresiliente Wälder entstehen lässt.