Die Proben für Georg Friedrich Händels Meisterwerk „Alcina“ laufen. Die junge Studentin spielt die Rolle der Morgana. Neben ihr steht Lin Ye als Bradamante. Für beide Nachwuchstalente ist es ein intensiver, lehrreicher Moment, der sie auch im schauspielerischen Ausdruck unter die Lupe nimmt. „Nimm dir Zeit“, rät der Opernstar seinem Schützling, spricht die Verse überdeutlich vor und lobt dann warmherzig: „Hast du aber gut gemacht. Aber es muss immer stimmen, dass du wirklich den Gedanken hast.“
Luxus-Kostüme aufDass Simone Kermes, die schon weltweit an den größten Häusern gastiert hat, hier an der Lübecker Musikhochschule ihre allererste Regie-Arbeit abliefert, ist etwas ganz Besonderes für sie: „Mein Traum geht in Erfüllung“, schwärmt Kermes. Und auch für die MHL ist die Verpflichtung, die über Gesangsdozentin Manuela Uhl zustande kam, ein Hauptgewinn. Das betont explizit MHL-Präsident Bernd Redmann: „Für uns und insbesondere die Studierenden ist es ein totaler Glücksfall.“
Der optische Kontrast der Inszenierung könnte derweil kaum größer sein: Das Bühnenbild ist radikal spartanisch, lediglich zehn Matratzen übernehmen sämtliche Funktionen des Raumes. Doch was die Darstellerinnen am Körper tragen werden, ist für eine Hochschule schierer Luxus, der Musikgeschichte atmet. Kermes setzt auf bildstarke Poesie und stattet die Studierenden mit ihren eigenen, originalen Bühnenkleidern aus drei Jahrzehnten Solo-Karriere aus.
„Allein mein Kostüm für die ‚Königin der Nacht‘ ist 36.000 Euro wert“, berichtet Kermes begeistert über den großen Kaschmirmantel, den sie einst auf der Bühne in Baden-Baden unter Leitung des Dirigenten Sir Simon Rattle trug.
Und das Glitzerkleid, das gerade Gesangsstudentin Lisa Scheffler trägt, habe sie exklusiv für ihren Auftritt in Bernsteins „Candide“ an der Deutschen Oper Berlin schneidern lassen. Dann zeigt sie auf ein weiteres Prunkstück. „Das ist mein ‚Echo‘-Preisverleihungskleid. Da saß Herr Joop in der ersten Reihe“, erzählt sie und schwärmt von den Stoffen und Farben.
Immer, wenn sie bei Engagements auf Reisen gewesen sei, habe sie vor Ort renommierte Stoffgeschäfte aufgesucht. „In New York zum Beispiel gibt es eine ganze Straße mit solchen tollen Läden“, merkt sie an.
Ein ehrlicher SeitenhiebDass dieser textile Schatz nun dem Nachwuchs zugutekommt, hat für sie große Symbolkraft: „Meine Kostüme gehen in die Hände der jungen Sängerinnen und Sänger über. Sie symbolisieren für mich einen künstlerischen Übergang und mein Vertrauen in die nächste Generation.“ Und diese Generation an der MHL hat es der Star-Sopranistin absolut angetan. „Die Studierenden sind super, auch im Vergleich zu meiner Geburtsstadt Leipzig“, zieht Kermes, die an der dortigen HTM Mentorin ist, einen ehrlichen und scharfen Vergleich.
„Da ist alles so ein bisschen arrogant nach dem Motto: ‚Wir studieren in Leipzig, hier ist Richard Wagner geboren.‘ Aber die Qualität ist nicht so. Hier in Lübeck, an dieser kleineren Hochschule, ist das ein Vorteil – dieses Familiäre, dieser Zusammenhalt. Da neidet nie jemand dem anderen. Zum Glück landen also meine Kostüme hier in Lübeck und nicht in Leipzig.“
Dass ihre Liebe zur Hansestadt tiefer wurzelt, wird im Interview mit den Lübecker Nachrichten mehr als deutlich. So wurde sie einst vom inzwischen pensionierten Lübecker Domkantor Hartmut Rohmeyer stark gefördert und sang unter anderem beim Schleswig-Holstein Musik Festival das große sakrale Repertoire. „Ich war bestimmt regelmäßig zwei-, dreimal im Jahr hier. Zu Ostern, zu Weihnachten. Und ich habe mich immer aufgehoben gefühlt und am Ende natürlich immer Marzipan mitgenommen“, sagt sie und lacht. Dem Lübecker Publikum bringt sie nun nicht nur eine Oper über eine rücksichtslose Zauberin mit, sondern eine echte Uraufführung. Statt der üblichen, handlungserklärenden italienischen Rezitative gibt es in dieser Inszenierung moderne deutsche Dialoge, die die italienischen Arien verbinden. Geschrieben wurden sie in Rekordzeit von ihrem langjährigen Freund Oliver Spieker, dem berühmten Textdichter von Udo Jürgens und Peter Maffay. „Wir leben schließlich in einer neuen Zeit“, erklärt Kermes den mutigen Schritt. „Die Menschen verstehen plötzlich die Handlung.“ Händels tiefenpsychologischer Barockmusik tue das keinen Abbruch, im Gegenteil. Die zwölf Gesangsstudierenden und das Barockorchester unter Gastdirigent Andreas Küppers präsentieren am Sonnabend, 6. Juni (19.30 Uhr), und Sonntag, 7. Juni (17 Uhr), die Zauber-Oper in der Musikhochschule in Lübeck. Karten für die Aufführungen gibt es im Internet unter www.mh-luebeck.de