Vertrauliche Geburt: Sicherer Weg für Schwangere in Notlagen
Mutter bleibt anonym – Kind hat nach dem 16. Geburtstag die Möglichkeit, seine Herkunft zu erfahren.

Am UKSH in Lübeck ist eine vertrauliche Geburt möglich. Für diese müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.Foto: Agentur 54°
Lübeck. Stellen Sie sich folgenden fiktiven, aber typischen Fall vor: Lisa Frank, die eigentlich anders heißt, ist 26 Jahre alt und ungewollt schwanger. Mit dem Vater des ungeborenen Kindes war die junge Frau nur kurz liiert, die beiden haben keinen Kontakt mehr. Für Lisa Frank ist klar: ein Kind großzuziehen, kommt für sie in ihrer derzeitigen Lebenssituation nicht infrage.

Die 26-Jährige ist psychisch krank. An manchen Tagen sind für sie selbst kleinste alltägliche Aufgaben wie Haare waschen oder Lebensmittel einkaufen eine unüberwindbare Hürde. Lisa Frank ist arbeitslos und wohnt allein in einer kleinen Wohnung. Sie hat nur wenig soziale Kontakte, ihre Eltern leben mehrere Hundert Kilometer entfernt. Lisa Frank muss sich eingestehen: „Ich wäre mit einem Baby komplett überfordert.“ Aber eine Abtreibung ist für die 26-Jährige auch keine Option.

Vertrauliche Geburten
sind seit 2014 möglich

Die Schwangere macht einen Termin bei einer Lübecker Beratungsstelle und entscheidet sich schließlich für eine Möglichkeit, die in Deutschland seit genau zwölf Jahren besteht: eine vertrauliche Geburt. „Ich möchte, dass das Kind bei Eltern aufwächst, die sich liebevoll kümmern und ihm ein stabiles Zuhause bieten“, sagt die werdende Mutter.

Anni Schulz von Thun von der Lübecker Beratungsstelle der Humanistischen Union erklärt, wie eine vertrauliche Geburt abläuft. In der verpflichtenden Beratung in einer anerkannten Beratungsstelle wird für die Schwangere ein Pseudonym aus Vor- und Nachnamen (in diesem Fall Lisa Frank) festgelegt, das für die Schwangerschaft und die Geburt gilt.

Zwingende Voraussetzung für eine vertrauliche Geburt ist das einmalige Vorlegen des Ausweises in der Beratungsstelle. „Leider scheitert eine vertrauliche Geburt mitunter daran, dass die Schwangere keinen gültigen Ausweis hat – zum Beispiel, weil sie sich illegal in Deutschland aufhält“, sagt Beraterin Schulz von Thun.

Lisa Frank legt ihren Personalausweis vor, und die Beratungsstelle erstellt einen Herkunftsnachweis, der beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt und sicher verwahrt wird. Das Kind hat ab seinem 16. Lebensjahr ein Recht auf Auskunft über seine Herkunft.

Umfassende medizinische Versorgung für

Mutter und Kind

Das ist laut Anni Schulz von Thun im Vergleich zu den Alternativangeboten anonyme Geburt oder Babyklappe ein großer Vorteil der vertraulichen Geburt: „Die Rechte des Kindes werden gewahrt.“

Ein weiterer zentraler Aspekt sei, dass Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt eine umfassende medizinische Versorgung erhalten. Alle Kosten rund um die vertrauliche Geburt übernimmt der Bund.

In Absprache mit Lisa Frank meldet Anni Schulz von Thun die Schwangere unter Angabe des errechneten Geburtstermins beim UKSH für eine vertrauliche Geburt an. Die Beraterin kontaktiert auch eine gynäkologische Praxis, die die Schwangerschaft der 26-Jährigen medizinisch begleiten wird. So ist gewährleistet, dass Lisa Frank später im Krankenhaus und in der Praxis keine weiteren Angaben machen oder ihre Krankenkassenkarte vorlegen muss.

Vor der Adoption: Mutter
hat ein Jahr BedenkzeitAuch die Adoptionsstelle der Hansestadt wird frühzeitig informiert und versucht bereits vor der Geburt, geeignete Adoptiveltern zu finden. Wichtig dabei: Zunächst sind die neuen Eltern Pflegeeltern mit der Perspektive auf Adoption. Ein Jahr lang hat die leibliche Mutter die Möglichkeit, ihre Entscheidung zu widerrufen. Geschieht das nicht, können die Pflegeeltern das Kind
adoptieren.

Anni Schulz von Thun ist in Lübeck kein Fall bekannt, in dem die leibliche Mutter ihr Kind wieder zu sich nehmen wollte. Für das Baby von Lisa Frank wird schnell eine Pflegefamilie gefunden. Sobald die Geburt losgeht, wird das Paar informiert. Die leibliche Mutter entscheidet, ob die neuen Eltern das Baby direkt nach der Geburt in die Arme schließen können oder ob sie noch etwas Zeit mit dem Neugeborenen verbringen will.

Wenn das Baby von Lisa Frank mit seinen neuen Eltern die Klinik verlässt, wird es ein Geschenk seiner leiblichen Mutter dabei haben: ein Stofftier und einen Brief, in dem Lisa Frank ihre Entscheidung erklärt. „Die meisten Mütter machen von der Möglichkeit Gebrauch, ihrem Kind etwas Persönliches mit auf den Weg zu geben, aber es ist natürlich kein Muss“, sagt Anni Schulz von Thun.

In Lübeck gab es nach Angaben der Humanistischen Union bisher elf vertrauliche Geburten. In Schleswig-Holstein wurden laut Landessozialministerium von 2014 bis 2024 insgesamt 44 Herkunftsnachweise übermittelt. Die jährlichen Fallzahlen bewegten sich nach Angaben einer Sprecherin dabei durchgängig im niedrigen einstelligen Bereich.

Hier finden
Schwangere HilfeSchwangere in Notsituationen finden in Lübeck Unterstützung bei fünf Beratungsstellen. Träger sind die Humanistische Union, pro familia, Caritas, Donum
Vitae und Gemeindediakonie. Das bundesweite Hilfetelefon „Schwangere in Not“ ist unter der Nummer 0800/4040020 rund um die Uhr erreichbar.
und GRI

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