Hier zeigt Prof. Nicola Leonard Hein, wie die Zukunft des Hörens klingen kann. Er ist umgeben von 32 edlen Premium-Lautsprechern an Traversen in Deckennähe und schwarzen Paneelen in Ohrhöhe, in denen noch einmal fast 900 winzige Boxen verbaut sind. „Damit kann man sogenannte Wellenfeldsynthese betreiben“, erklärt der Experte. Vereinfacht gesagt: Die Lautsprecher werfen Schallwellen so präzise in den Raum, dass sie in der Luft zusammenstoßen.
An diesem Kollisionspunkt entsteht eine sogenannte Phantomschallquelle. Der Ton schwebt plötzlich greifbar mitten im Raum. „Das so abbilden zu können, ist einzigartig. Der einzige andere Ort, der mir bekannt ist, der das so stehen hat, ist das IRCAM in Paris. Und hier in Lübeck ist es für die Öffentlichkeit zugänglich.“ Zur Erklärung: Das IRCAM ist eines der weltweit wichtigsten Zentren für experimentelle Musik und Klangforschung.
Diese neue elektronische Musikwelt ist Teil des „Digital Learning Campus“ (DLC). Das landesweite Projekt, das nun in die Notenbank eingezogen ist, soll digitale Zukunftskompetenzen – sogenannte Future Skills – für alle Bürgerinnen und Bürger greifbar machen, egal ob Kind oder Senior, Anfängerin oder Profi. Und das völlig kostenlos. Hier verschmelzen klassische Musik, künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality.
„Wir haben auch einen Flügel, der über Elektromagnete steuerbar ist. Man kann ihn ganz normal spielen, aber wir bringen Interessierten auch bei, eine KI zu programmieren, die den Flügel steuert und dann zusammen mit menschlichen Musikern musiziert“, schwärmt Hein, Professor für Digitale Kreation an der Musikhochschule Lübeck (MHL). Und wer mag, kann in spezielle „Motion-Capture“-Anzüge schlüpfen und ausprobieren, wie allein durch die Bewegung des eigenen Körpers Töne im Raum erzeugt werden.
Dass diese hochmodernen Projekte in der jetzigen Notenbank vor dem Holstentor stattfinden können, ist für die MHL ein historischer Meilenstein. Neues Leben ist nun in den jahrelang leer stehenden Bau eingekehrt. „Das war ein großer Glücksfall sowohl für uns als auch für die Hansestadt. Wir gewinnen zahlreiche Flächen dazu, die wir unbedingt brauchten, und die Stadt hat die Möglichkeit, hier direkt am Eingang zur Altstadt eine kulturelle Visitenkarte zu bekommen“, freut sich MHL-Kanzler Andreas Nabor.
Das gesamte Erdgeschoss des Gebäudekomplexes soll nach den Plänen des Präsidiums der Musikhochschule eine Einladung an alle sein, „neugierig auf musikalische Kultur und Wissenschaft zu sein“, betont Nabor. Das heißt: Die Schalterhalle im Altbau wird zu einem multifunktionellen Raum umgestaltet, mit Werkstattkonzerten, unterschiedlichen Begegnungsformaten und dem DLC. Der ehemalige, meterdicke Geldtresor im Neubau soll bis 2030 zur neuen Heimat der digitalen Musik und das Foyer dazwischen mit einer kleinen Bühne ausgestattet werden.
Wer neugierig geworden ist, muss nicht lange warten. Die Notenbank versteht sich ausdrücklich nicht als Elfenbeinturm. „Wir wollen Türen öffnen, die sonst immer verschlossen sind“, betont Prof. Nicola Leonard Hein. Bereits am 10. Mai, pünktlich zum Brahms-Festival, öffnet sich die ehemalige Schalterhalle für das erste öffentliche Konzert. Es verspricht eine faszinierende Performance zu werden, die elektronische und akustische Musik miteinander vereinen soll. In den Monaten Juni und Juli folgen weitere öffentliche Workshops und Präsentationen. Ob es um die Programmierung von Robotern geht, die Musik machen, oder darum, online in Echtzeit mit anderen zu musizieren – das Angebot ist mannigfaltig. Ein weiteres Highlight, das man erleben kann, ist der „IKO-Lautsprecher“: ein fußballähnliches, 20-seitiges Instrument, mit dem man die Architektur des Raumes wie einen eigenen Resonanzkörper spielen kann.
Der Einzug in die Notenbank ist für die Musikhochschule der erste Schritt zu einem echten „Musik-Campus“ am Rande der Altstadt, bestehend aus der Liegenschaft Große Petersgrube, der Holstentorhalle und der Notenbank. Die Holstentorhalle soll nun aufgrund der Knappheit an Überäumen künftig 24 Stunden am Tag für Studierende geöffnet sein. Der endgültige Umbau der Notenbank wird jedoch noch Zeit in Anspruch nehmen.Bis Ende 2027 soll das zweite Obergeschoss für die Verwaltung und das Präsidium fertiggestellt sein. „Der langfristige Plan ist, dass wir bis 2030 komplett fertig sind. Das ist allerdings ambitioniert“, schaut Kanzler Nabor voraus. Bis dahin soll die Notenbank auch nach außen wirken. Mit überdimensionierten Instrumenten in den Grünanlagen und spontaner Straßenmusik will die Musikhochschule das Areal rund um das Holstentor endgültig erklingen lassen.