Von fliegenden Fischen, magischen Momenten und Zusammenhalt
Was die Lübeckerin Jana Golz mit ihrem Team beim „härtesten Rudern der Welt“ erlebt hat.

Jubel und große Erleichterung bei ihrer Ankunft in der Karibik (v.li.): Christiane Kienl, Clara Düntsch, Lübeckerin Jana Golz und Jana Stahl.Foto: The World's Toughest Row
Lübeck. Der Alltag ging direkt wieder los. Die eine fuhr auf Dienstreise, die andere fing einen neuen Job an. Alles wieder normal, alles wie immer, mitten im Leben. Obwohl sie kurz vorher noch etwas so Außergewöhnliches geschafft hatten.

Jana Golz aus Lübeck hat mit Christiane Kienl, Jana Stahl und Clara Düntsch den Atlantik überquert – in einem Ruderboot. Die Frauen waren eines von 43 internationalen Teams, die im Dezember und Januar bei „The World’s Toughest Row“, „Das härteste Rudern der Welt“, mitgemacht haben. Sie ruderten Tag und Nacht, 4800 Kilometer, nur mit reiner Muskelkraft: von der kanarischen Insel La Gomera bis nach Antigua und Barbuda in der Karibik.

Wind, Wellen, Regen
und Gewittern ausgesetzt

43 Tage, 9 Stunden und 15 Minuten brauchten die Frauen dafür. 43 Tage ohne viel Kontakt zur Außenwelt, auf sich allein gestellt, ohne Begleitboot, dafür mit Wind, Wellen, Regen und Gewittern. Wie fühlt sie sich jetzt, mit etwas Abstand zu dieser Leistung? „Das ist ganz schwer zu fassen“, sagt Jana Golz. „Ich bin immer noch dabei, das für mich aufzuarbeiten.“

Ein bisschen gelassener ist sie wohl geworden, sagt die 34-Jährige. Welle für Welle – ihr Motto auf dem Ruderboot. Die Situation hinnehmen, wie sie ist. „Uns blieb ja nichts anderes übrig“, sagt sie und lacht. Die Einstellung will sie beibehalten. „Ich will nicht, dass das alles einfach in einer Schublade verschwindet.“

Viele verfolgen Instagram: Von 2000 auf 20.000 Follower

Doch das wird es so schnell wohl nicht: Die Aktion wirkt auch bei anderen noch nach. Der Instagram-Kanal vom „Team Offshoare“ wuchs von 2000 auf 20.000 Follower. Neben Medien haben sich erste Firmen gemeldet – ob die Frauen dort von dem Rennen berichten können? Ein Team neu aufstellen, zusammenarbeiten, sich aufeinander verlassen können, die Motivation finden, solch große Projekte anzugehen: alles auf die Arbeit übertragbar. Bald steht die Abschlusszeremonie des Rennens in London an. Gerade sichten die Frauen ihr Videomaterial – vielleicht für einen Film? Und wenn Jana Golz dann so über alles erzählt, strahlend und mit leuchtenden Augen, könnte daraus auch ein spannendes Buch werden: Wenn sie erzählt, wie der Start aufgrund des heftigen Sturms verschoben werden musste. Wie sie dann einige Tage später bei immer noch hohem Wellengang losfuhren. Wie sie trotz Schlafmangels ihren Plan durchzogen und durchfuhren – am Tag jeweils zwei Stunden ruderten und zwei Stunden pausierten, in der Nacht alles im Drei-Stunden-Takt. Wie sie Weihnachten, Silvester und ihren eigenen Geburtstag auf dem Boot feierten. Wie sie sich mit Spielchen, Erinnerungen aus der Kindheit und vollkommen absurden und lustigen Gesprächen gegenseitig motivierten, wach hielten, näher kennenlernten, als Team zusammenwuchsen. Wie sie durchhielten, obwohl an einer Stelle Wasser ins Boot lief und trotz Seekrankheit und kleineren Blessuren. „Wir sind aber gut durchgekommen, wenn man hört, was bei anderen los war“ – von Verbrennungen am Bein bis zum Nierenversagen.

Minkwal, Thunfische
und DelfineUnd dann die Naturschauspiele: sternenklare Nächte, traumhafte Sonnenuntergänge, ein Minkwal, Thunfische, und – etwas unangenehmer – fliegende Fische, die im Ruderboot und am Hinterkopf der Ruderinnen landeten. „Einer der magischsten Momente war, als wir eine Stunde lang von etwa 20 Delfinen in den Sonnenaufgang begleitet wurden.“ Flosse an Flosse schwammen sie nebenher, tauchten auf und wieder ab, feuerten die Frauen damit auf ihre Weise fürs Rennen an. Nach etwa sechs Wochen kamen sie erleichtert an. Etliche Menschen standen am Ziel, auch ihre Liebsten, nahmen sie mit Musik, Lärm und Applaus in Empfang. „Das war schon sehr emotional“, sagt Jana Golz. Die ersten Schritte ist sie wie betrunken gelaufen, scherzt sie – konnte aber nach wenigen Tagen schon wieder alles normal bewegen. Das „Team Offshoare“ belegte letztlich den 26. und bei den neun reinen Frauenteams den dritten Platz. Der Sieg stand für sie nie an erster Stelle. Sie nutzten die Fahrt, um mit einer Kamera und einem Sensor wissenschaftliche Daten für das Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Uni Oldenburg (Niedersachsen) zu sammeln – ebenso Spenden für zwei Projekte: „Sharkproject International“, eine Initiative zum Schutz und zur Erforschung von Haien, und die Brustkrebsvorsorge, mit dem Verein Brustkrebs Deutschland und der Österreichischen Krebshilfe. 4500 Euro kamen zusammen. Hinzukommen soll noch das Geld vom Verkauf ihres Ruderbootes. „Wir haben alle etwas mitgenommen, was wir vor allem an Frauen weitergeben wollen: Sowas Krasses ist machbar.“ Spricht das für eine Wiederholung? Jana Golz lacht. „Diese Erinnerung soll nicht von dem gleichen Ruderrennen überspielt werden“, sagt sie. „Aber wir hatten auf dem Boot ja viel Zeit, um noch mehr Ideen zu sammeln.“ und ABF
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