Klangvolles Leben in der Notenbank
Platznot hat ein Ende: Musikhochschule zieht ins ehemalige Bundesbank-Gebäude neben dem Holstentor.

Wenn man von einer 1-A-Lage sprechen möchte – im Fall der Notenbank direkt am Holstentor kann man es tun.Fotos: Marcus Kaben
Lübeck. „Vor ein paar Tagen durften wir hier einziehen, zu dritt in diesem Büro mit Blick auf das Holstentor“, schwärmt Christine Sickert. Die Erleichterung über den Umzug aus dem Tesdorpfhaus in der Mengstraße ist groß: „Dort war alles grau – Boden grau, Wände grau. Man war ganz alleine im Hinterhaus. Hier ist es weitaus gemütlicher.“ Dieser persönliche Eindruck der Doktorandin der AG Musizierendengesundheit markiert den Startschuss für eine monumentale Veränderung, auf die man im Präsidium der Musikhochschule Lübeck (MHL) sehr lange gehofft hatte.

Rückblick: Noch bis zuletzt gab es Sorgen, dass die 4,75 Millionen Euro für den Ankauf der Immobilie am Holstentorplatz 2 der knappen Landeskasse zum Opfer fallen könnten. Im November 2024 wurde das historische Bundesbank-Gebäude schließlich doch an die MHL übergeben. Für Hochschulpräsident Prof. Bernd Redmann war dies ein „Wendepunkt mit historischer Dimension“. Denn seit Jahrzehnten suchte die Hochschule händeringend nach mehr Platz.

Im Mai wird zum

ersten Konzert eingeladen

Inzwischen hat die Transformation des unter dem Namen „Notenbank“ firmierenden Baus Fahrt aufgenommen. Zwar wartet MHL-Kanzler Andreas Nabor noch voller Ungeduld auf die schriftliche Nutzungsfreigabe, doch das mündliche Okay liegt bereits vor. „Die vergangenen Monate waren durch Planung geprägt. Ab dem Sommersemester spielt hier die Musik“, verspricht der Kanzler. Dank der massiven Unterstützung durch das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) hätten selbst komplexe Anforderungen an Denkmalschutz, Barrierefreiheit und Brandschutz in Rekordzeit erfüllt werden können, lobt er.

Der Startschuss für die Öffentlichkeit fällt im Erdgeschoss. Bereits im Mai wird die Notenbank während des Brahms-Festivals ihre Türen für das erste Konzert öffnen – eine Performance, die elektronische und akustische Musik vereint. Und das in der ehemaligen Schalterhalle. Ein weiteres Highlight ist schon jetzt bezugsfertig: das ehemalige, denkmalgeschützte Direktorenzimmer in der ersten Etage.

„Flügel rein, und schon hat man einen Raum für Kammermusik“, sagt Nabor. Ein moderner Blüthner-Flügel – eine großzügige Spende des langjährigen Förderers Hartmut Gothe – steht bereits an seinem Platz, weshalb der Raum nun stolz als „Blüthner-Saal“ firmiert.

Und dann ist da noch die dreiköpfige AG Musizierendengesundheit von Professor Daniel Scholz, die zu den Gebäudepionieren gehört. Sie befasst sich mit den spezifischen Herausforderungen, mit denen Musikstudierende konfrontiert sind. Von Auftrittsdruck über finanzielle Unsicherheiten bis hin zu sozialen Belastungen durch unregelmäßige Arbeitszeiten.

Jetzt haben sie dazu einen speziellen Fragebogen entwickelt, der die längerfristige Beobachtung psychischer Belastungsfaktoren erlaubt. „Ziel ist es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und geeignete Präventionsmaßnahmen zu ermöglichen“, erklärt Christine Sickert, studierte Hornistin und Psychologin in der Therapieausbildung.

Dass das Gebäude nicht nur eine Lösung für Platznot ist, sondern ein echter Innovationsmotor, zeigt sich an den weiteren Plänen. So soll dort der Digital Learning Campus, kurz DLC, seine künftige Heimat finden, nachdem im Übergangshaus, dem bisherigen Domizil, der Umbau begonnen hat. Dozierende und Studierende sollen erproben, wie unter anderem Künstliche Intelligenz die Musikproduktion verändert.

Die ehemalige Bundesbank erwacht so langsam zu neuem Leben. Wo früher Bilanzen gezogen und Scheine gezählt wurden, werden bald Tonleitern geübt, KI-gestützte Beats programmiert und kreative Ideen geschmiedet. Das gesamte Gebäude-Ensemble solle perspektivisch bis zum Jahr 2030 komplett in den MHL­Kosmos integriert sein, wünscht sich der Kanzler. mho
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