Diese Überlegungen sind notwendig, weil die Marienkirche saniert wird. Dafür muss sie ab Oktober 2026 eine Zeit lang komplett geschlossen werden. Unter anderem werden die Fenster instand gesetzt, die wird Malerei restauriert, und außerdem bekommt die Kirche unter ihren 3000 Quadratmetern Fläche eine Fußbodenheizung.
Das Problem: Es gibt keine Horizontalsperre in der Kirche. Es fehlt also die Abdichtung im Mauerwerk, die das Aufsteigen von Feuchtigkeit stoppt. „Wenn die Feuchtigkeit verdunstet, steigt sie hoch, mit ihr Salze, die das historische Mauerwerk zerstören“, erklärt Pfeifer. Die alte Heizung von St. Marien ist schon seit Längerem defekt. Dadurch kann die Kirche nicht mehr ausreichend temperiert werden.
Die Herausforderung: Bevor die neue Heizung eingebaut werden kann, muss zuerst der Boden untersucht werden. Denn für die neue Anlage müssen auch Wärmestationen installiert werden – und zwar dort, wo besonders viele Relikte verborgen liegen. Immerhin wird hier nicht nur eine der größten Kirchen Deutschlands saniert, sondern auch ein Unesco-Welterbe.
Zu den Verantwortlichen gehört Archäologe André Dubisch. Für ihn und das Grabungsteam ist jeder Tag etwas Besonderes. „Das ist eine Jahrhundertgrabung für Lübeck“, sagt Dubisch freudig. „Sehr bedeutend.“
Besonders faszinierend für ihn: Das Team hat Grüfte aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. „Im Grunde ist es ein riesengroßer Friedhof, auf dem wir hier stehen“, sagt Dubisch. „St. Marien war die Kirche der Hansekaufleute. Sie wollten sich mit ihren Familien möglichst nah am Altar bestatten lassen. Sie hatten Macht und Geld, und das werden wir wohl auch an den Grüften erkennen können.“
Erstmals besteht jetzt die Möglichkeit, diese Grüfte anzusehen, dokumentiert sind sie nicht, auch das nimmt das Team jetzt vor. „Die meisten Grüfte sind im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden. Einige Stellen im Boden hat man einfach mit Sand aufgeschüttet.“ Auch für das Grabungsteam ist es also eine Überraschung, wo was in welchem Zustand zu finden ist. „Außerdem ist St. Marien der wichtigste Punkt der Stadtgeschichte und der höchste Punkt der Altstadtinsel“, sagt Pastor Pfeifer. „Wir rechnen damit, etwas aus der Zeit der Stadtbesiedlung zu finden – unglaublich spannend.“
Trotz der Beschädigungen ist einiges an den Grüften erkennbar: Bibelverse, Fresken, Putten, andere Malereien. Nicht nur anhand der Gestaltungen gehen Experten davon aus, dass die Grüfte aus dem 17. Jahrhundert stammen, sondern auch anhand der Backsteinhöhe. „Und hier“, sagt Dubisch und zeigt auf einen Backstein, „ist sogar noch der Produktionsstempel von der St. Petri Ziegelei zu sehen, ein Schlüssel.“ Noch ein Indiz fürs 17. Jahrhundert.Die ersten vier von 15 Löchern sind in dieser ersten Grabungskampagne, die bis April läuft, bereits aufgemacht worden. Dabei wird entschieden: Können die Anlagen für die Heizung hier gebaut werden? Müssen sie leicht versetzt werden? Wird eine Gruft möglicherweise sogar abgebaut werden? „Das müssen wir von Fall zu Fall sehen“, sagt Dubisch. „Wichtig ist, dass wir vorsichtig, respekt- und pietätvoll damit umgehen.“ Zumal es auch passieren könnte, dass das Grabungsteam auf geschlossene Gräber stößt.
Damit alles korrekt läuft, ist ein großes Team aus verschiedenen Bereichen an den Grabungen beteiligt. Neben der Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg sind Gruftexperten,Techniker, Materialforscher und auch andere Fachleute dabei.Liane Kreuzer ist die Leiterin der Bauabteilung des Kirchenkreises, sie steuert auch das Großprojekt. „Arbeiten in so einem hochsensiblen Denkmal, da geht man schon mit Respekt heran“, sagt sie. „Wenn ich sehe, wie viel Handwerk hier drin steckt, wie viel Arbeit, Leistung und Gestaltungswillen, da hat man Ehrfurcht. Wir sind nur ein kleiner Teil einer langen Geschichte, das ist spannend.“
Die Arbeit muss sehr sensibel vorgenommen werden, sagt auch Pfeifer. „Wenn wir hier sehen, unter welchen Bedingungen und unter welcher Zeitnot die Kirche nach dem Krieg wieder aufgebaut worden ist, da haben wir großen Respekt vor der Generation.“ Auf der anderen Seite, sagt Kreuzer, ist die Kirche auch kein Museum. „Sie muss benutzbar bleiben.“
Und das wird sie – hoffen alle – dank dieses Großprojektes, für das insgesamt rund 28 Millionen Euro veranschlagt worden sind. Der Bund hat 14 Millionen Euro zugesagt.