Große Kolonien unter der Erde: Super-Ameise bedroht Wulfsdorf
Seit März versuchen Experten, der Tapinoma magnum auf einem Bauernhof Herr zu werden – Erste Erfolge.

Drei gegen die Super-Ameise Tapinoma magnum: Experte Dr. Uwe Sörensen (li.), Hofbesitzerin Tanja Bredenkamp und Schädlingsbekämpfer Egbert Hackethal.Foto: Susanne Peyronnet
Wulfsdorf. Auf den ersten Blick sieht auf dem Hof von Tanja Bredenkamp in Wulfsdorf in der Gemeinde Scharbeutz alles ganz normal aus. Rechts vom Reitplatz schließen sich die Boxen für die Einstellerpferde an. Doch wer genau hinsieht, bemerkt am Fuß der Mauern halbe Ziegelsteine, unter denen weiße Kästchen hervorlugen. Sie liegen genau dort, wo Tapinoma magnum, die Große Drüsenameise, ihre Straßen bildet.

Was zunächst wie eine harmlose heimische Wegameise wirkt, ist in Wahrheit ein gefährlicher Eindringling, der auf dem Hof Bredenkamp seit März verbissen bekämpft wird.

Alles begann mit massenhaftem Ameisenbefall auf der Terrasse einer Mieterin. Hausmittel wie Backpulver versagten ebenso wie herkömmliche Pestizide. Schließlich schaltete die Mieterin Umweltbehörden ein.

Proben der dort lebenden Ameisen landeten bei dem Ameisen-Experten Uwe Sörensen, der die Art schließlich als Tapinoma magnum identifizierte. Wobei das Wort „magnum“ irreführend ist. Die invasive Ameisenart ist winzig, gerade mal zwischen 2,4 bis 5,1 Millimeter groß.

Zweites Vorkommen

in Schleswig-Holstein

Damit war klar: Wulfsdorf ist neben einem Gewächshaus in Wedel der zweite Ort in Schleswig-Holstein, an dem die invasive Art nachgewiesen wurde. Seither versuchen Egbert Hackethal, Projektleiter beim Schädlingsbekämpfer Supella aus Siek im Kreis Stormarn, und sein Team, die Ameisen zurückzudrängen – mit mäßigem Erfolg. Während sie von der Terrasse der Mietwohnung verschwunden sind, krabbeln die Ameisen am Pferdestall und am Reitplatz munter weiter.

Laut Hackethal seien viele der üblichen Standardverfahren bei der Bekämpfung von Tapinoma magnum ineffektiv: „Man eliminiert nur das, was man sieht, erreicht aber nicht die Königin.“ Erschwerend kommt hinzu, dass diese Ameisenart polygyn ist, also bis zu 100 Königinnen pro Nest großzieht. „Da dranzukommen, ist extrem schwer. Oberflächliche Maßnahmen führen nicht zum Ziel“, sagt Hackethal. Sein Team setzt daher auf spezielle Gelköder, deren Gift von den Arbeiterinnen direkt an die Brut und die Königinnen verfüttert wird.

Die Große Drüsenameise

riecht nach Zitronella

Ameisen-Experte Sörensen nimmt mit spitzen Fingern eine Ameise auf, zerreibt sie, riecht an ihr. „Wenn man sie zerdrückt, riechen sie nach Zitronella und stinken dann“, sagt Tanja Bredenkamp. Sörensen untersucht die Ameisen aber auch unter einer kleinen Lupe. „Tapinoma ist dominant“, sagt der Biologe. Sprich: Sie vertreibt alle anderen Ameisen. Nur die eigene Art wird akzeptiert. „Die bekämpfen sich nicht gegenseitig, nur so können sie Superkolonien bilden“, ergänzt Hackethal. Und genau da liegt das Problem. In etwa einem Meter Tiefe im Boden bildet Tapinoma magnum mit Höhlen und Gängen ein riesiges Netzwerk.

An der Oberfläche ist gerade mal die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs in Form von Ameisenstraßen zu sehen. Die Tiere fressen sich aber oberirdisch durch Holzstrukturen, unterhöhlen Fundamente, können Elektroanlagen zerstören. „Es gab schon Ampelausfälle. Sie erzeugen Kurzschlüsse“, sagt Hackethal. Es soll sogar schon durch die Ameisen-Aktivität ausgelöste Internetausfälle gegeben haben.

Tapinoma wird nicht

ganz wegzukriegen sein

Die Supella-Schädlingsbekämpfung hat für den Hof Breden-kamp eine langfristige Strategie entwickelt. An 40 Stellen wurden Köderstationen ausgebracht, die ständig kontrolliert werden. Dennoch bleibt Hacke-thal realistisch: „Ich glaube nicht, dass wir die Tapinoma ganz wegkriegen. Wir versuchen, den Hof zu schützen.“ Da bisher keine Königinnen gefunden wurden, vermutet der Schädlingsbekämpfer weitere versteckte Zentren. Immerhin: An der Mietwohnung hat der Befall spürbar nachgelassen. Trotz kleiner Erfolge bleibt die Lage aber ernst. Bei einem Ortstermin wimmelt es an den geschützten Händen der Experten sofort von Ameisen und Puppen, sobald sie die Erde am Reitplatz bewegen. „Es ist nicht nur eklig, es ist schädlich“, sagt Hofbesitzerin Tanja Bredenkamp besorgt. Die Kosten für die Bekämpfung trägt sie allein, da die Ameisenabwehr auf ihrem Hof als Privatsache gilt.

Ihre Nachbarn nähmen die Gefahr bisher nicht ernst – ein Problem in den Augen der Schädlingsbekämpfer, da sie auf die auf angrenzenden Grundstücke keinen Zugriff hätten und sich dort ungehindert neue Superkolonien der Ameisen bilden könnten.

Blinde Passagiere

im Olivenbäumchen

Wie die im Mittelmeerraum beheimateten Super-Ameisen nach Wulfsdorf kamen, ist unklar. Seit 2009 ist ihr Vorkommen in Deutschland nachgewiesen. „Die Einschleppung erfolgt überwiegend mit mediterranen Großgehölzen, zum Beispiel durch Oliven- und Feigenbäume, Palmen, die zunächst in Gärtnereien und Gartencenter geliefert werden. Von dort aus findet die Besiedlung angrenzender Bereiche statt beziehungsweise werden die Ameisen mit den Pflanzen auch in die Privathaushalte gebracht“, schreibt das Umweltbundesamt dazu. sas



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