„Ein Elefant hat meine Brieftasche aufgegessen“
Zoo Arche Noah in Grömitz: Ingo Wilhelm spricht über schlaflose Nächte und Zukunftspläne.

Hans Wilhelm, der den Zoo gründete, liebte es, im Mittelpunkt zu stehen.Foto: Privat
Grömitz. Wer in den Zoo Arche Noah in Grömitz kommt, der lernt ganz sicher die Familie Wilhelm kennen. Ob bei der Arbeit in den Tiergehegen, an der Kasse, in der Planung oder der Lohnbuchhaltung: Ein Großteil der Familie ist im Zoo aktiv. „Das freut mich natürlich sehr“, sagt Seniorchef Ingo Wilhelm. Auch wenn er seinen fünf Töchtern immer die Wahl gelassen hat, sich für andere Berufe zu entscheiden.

Doch die Liebe zu den Tieren ist tief verwurzelt. Und das obwohl der 68-Jährige selbst eher durch einen Zufall zum Zoo kam. Als er 18 Jahre alt war, hatte sein Vater die Idee. Er war Handelsvertreter und viel im Land unterwegs. „Und irgendwann kam er zurück und hat meinen Bruder und mich gefragt, ob wir einen Zoo bauen wollen.“ Und so wurde ein Grundstück gekauft, die ersten Tiere nach Grömitz transportiert und 1976 die Türen geöffnet – 1,50 Mark kostete der Eintritt damals für Kinder.

„In den Anfangsjahren ging es immer darum, dass man möglichst viele verschiedene Tierarten hatte“, erinnert sich Ingo Wilhelm. „Das hat sich im Laufe der Jahre sehr geändert.“ Damals lebten Kragenbären, Pinguine oder sogar Elefanten im Grömitzer Zoo. Und das lockte Besucherinnen und Besucher an. „Gleich im ersten Jahr kamen 100.000 Gäste“, erzählt Ingo Wilhelm. Doch nicht alle Jahre liefen so gut. „Es war zeitweise ein hartes Brot“, sagt der 68-Jährige.

Was heute kaum noch vorstellbar ist: Die Reklame wurde mit einem Elefanten gemacht. „Wir sind mit ihm an den Strand gefahren und haben Handzettel verteilt“, sagt Ingo Wilhelm lachend. Die Dickhäuter sind bis heute seine Lieblingstiere. „Ich finde sie faszinierend“, sagt er. „Dadurch, dass man sie täglich bürsten und pflegen muss, baut sich eine richtige Beziehung auf.“

Elefanten-Dame „Moja“ hat er selbst abgeholt. „Sie war in einer Box in einem VW-Transporter“, sagt er schmunzelnd. „Die Fahrt über die Kasseler Berge war etwas abenteuerlich, weil sie hinten immer hin und her wippte.“ Doch das Jungtier kam sicher in Grömitz an und eroberte das Herz von Ingo Wilhelm. „Elefanten haben immer Blödsinn im Kopf“, sagt der Zoo-Chef und erinnert sich an eine Jacke, die er mal im Gehege vergessen hatte. „Es war nur noch ein Fetzen übrig, den Rest hatte der Elefant zerkaut. Meine Brieftasche hat er komplett aufgegessen.“

1996 wurden die Elefanten abgegeben, weil die entsprechenden Flächen fehlten. Erst im Laufe der Jahrzehnte konnte der Zoo sein Grundstück erweitern und so auch neue Gehege entwickeln. Das große Freigehege für die Schimpansen oder die Seehundanlage wurden zu Vorzeigeobjekten. „Und das alles als privater Zoo“, betont Wilhelm. „Denn anders als viele andere Zoos erhält die Arche Noah keine Fördermittel.“

Was der Familie ebenfalls wichtig ist, ist das Thema Nachhaltigkeit. Die Fenster des Schimpansenhauses beispielsweise hat Ingo Wilhelm gemeinsam mit einem Mitarbeiter bei einer Bank ausgebaut. In der Seehundanlage sind Teile der alten Seebrücke von Grömitz verbaut, und im Ziegengehege liegen Findlinge, die einst auf dem Gut Hasselburg lagen.

„Das hat schon mein Vater so gehandhabt“, erzählt der 68-Jährige. Was die beiden unterscheidet, ist das Gemüt. Ingo Wilhelms Vater stand gerne im Mittelpunkt, er selbst bleibt lieber im Hintergrund. Und doch freut er sich still, wenn im Sommer die Besucherinnen und Besucher durch den Zoo strömen, die Kinder auf dem Spielplatz toben oder Familien einen ganzen Tag im Park verbringen. Dann geht das Konzept auf.

Nicht unwichtig: Denn die Familie muss auch im Winter alles unterhalten, wenn wenig Gäste kommen. „Wir müssen hamstern“, sagt Ingo Wilhelm. Er hat ohnehin gelernt, dass gute Planung wichtig ist. „Man muss immer für drei Monate ausreichend Futter für den Notfall vorrätig haben“, sagt er.

Zu vielen Tieren hat die Familie eine tiefe Bindung. Da ist Schimpanse „Michi“, der als Handaufzucht im Zoo lebt und sich gerne von Tochter Maja am Rücken kraulen lässt. Auch Waschbär­dame „Josy” ist ein besonderer Fall. „Sie hatte ein Schädelhirntrauma, leidet seitdem unter Gleichgewichtsstörungen und wurde von uns aufgepäppelt“, erzählt Wilhelms Frau Birgit.

Auch die drei Liger werden die Wilhelms nie vergessen. Die Kreuzung aus Löwe und Tiger sorgte 1990 für Aufsehen. „Die drei Jungtiere kamen mit gerade einmal 600 Gramm zur Welt und mussten alle zwei Stunden von uns gefüttert werden. Bei Schmerzen wurde der Bauch massiert“, erinnert sich Ingo Wilhelm an viele schlaflose Nächte.

Damit der Zoo weiterhin attraktiv bleibt, entwickelt er sich stetig weiter. Viele Gehege wurden bereits modernisiert, weitere sollen folgen. Die Makis – eine Affenart – sollen einen Außenbereich erhalten. Ein Wasserspielplatz ist zudem aktuell im Bau, gleichzeitig entstehen neue Grillhütten und Jurten. MWE

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