Heike Henning und Thorsten Deinert von der Stiftung Naturschutz öffnen einen Weidenzaun – und schließen ihn eilig wieder hinter sich. „Wir wollen nicht, dass die Rinder ausbüxen“, sagt Henning und führt dann schnurstracks durch wilde Wiesen, vorbei an Knicks, Wäldchen, Teichen und einem Bach – oder kurz gesagt: durch ein Naturparadies.
Henning ist sogenannte Flächenmanagerin. Und darum geht es am Gömnitzer Berg. Die Ausgleichsagentur Schleswig-Holstein, eine 100-prozentige Tochter der Stiftung, hat das ehemalige Ackerland ökologisch aufgewertet. Entstanden ist ein sogenanntes Ökokonto, dessen Wert nach festgelegten Vorgaben in Ökopunkten bemessen wird. Diese Ökopunkte können erworben werden.
An dieser Stelle kommt Tunnelbauer Femern A/S ins Spiel. 2013 hat der Tunnelbauer 500.000 Ökopunkte erworben – und somit die Rechte an den Kompensationsflächen. Das sind in diesem Fall rund 27 der 57 Hektar. „Wir sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz zum Ausgleich von Eingriffen in die Natur verpflichtet“, sagt Landschaftsarchitekt Christoph Gondesen, der für Femern A/S im Einsatz ist. Man suche Flächen, die zur Verfügung stünden, erklärt Gondensen und fügt hinzu: „Die Agentur bietet Flächen an und garantiert, dass es mit rechten Dingen zugeht.“
Deinert ist Geschäftsführer der Ausgleichsagentur und spricht von „maßgeschneiderten Angeboten“. Ein Portfolio an Flächen stünde auf Vorrat zur Verfügung. „Für besonders große Vorhaben wie den Belttunnel haben wir Extraangebote“, erklärt der Agenturchef.
Ist das Areal gekauft, wird ein Entwicklungskonzept für einen bestimmten Zielzustand erstellt. Am Gömnitzer Berg heißt das: artenreiches, buntblühendes Grünland und die Wiederherstellung des natürlichen Bodenwasserhaushalts. So wurden etwa eine Bachschlucht aufgepflanzt, Drainagen beseitigt, Teiche saniert und sechs neue angelegt. „Mindestens 1700 Quadratmeter Wasserfläche haben wir als Amphibien-Laichgewässer angelegt“, berichtet Deinert. Neu entstanden sind zudem fünf Hektar Wald, dessen Nutzung verboten ist. „Hier dürfen die Bäume alt werden“, sagt Henning.
Erfolge haben sich längst eingestellt: Allein 47 Brutvogelarten – darunter Feldlerche, Neuntöter und Braunkehlchen – habe man bei der Kartierung im vergangenen Jahr nachweisen können, erzählt Deinert. Auch Amphibien wie Moorfrosch, Erdkröte und Teichmolch sowie seltene Pflanzen wie Sumpf-Blutauge, Gestreifter Klee oder Sumpf-Hornklee seien belegt, zählt Deinert auf.
„Was hier gemacht wurde, passt gut zum Ausgleich, den wir schaffen müssen“, sagt Gondesen. Für Anerkennung und Festlegung der Wertigkeit ist die Untere Naturschutzbehörde zuständig. „Wir sind darüber hinaus verpflichtet, den Zustand dauerhaft zu erhalten“, betont Deinert.Die Geschichte des heutigen Ökokontos am Gömnitzer Berg geht fast 20 Jahre zurück. Der Landwirt wollte 50 Hektar verkaufen. 2008 erfolgte der Ankauf durch die Stiftung. „Ein Glücksgriff“, betont Deinert.
Ein weiterer Akteur ist Teil der Gleichung: Die Stiftung Naturschutz verpachtet die Flächen an Bauern, die extensive – also natur- und umweltschonende – Landwirtschaft betreiben. „Wir haben hier Galloways und Welsh Blacks. Die Rinder weiden für den Naturschutz“, erzählt Henning. „Die Flächen sind also nicht aus der Landwirtschaft raus“, ergänzt Deinert. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz sei man vielmehr angehalten, mit landwirtschaftlichen Flächen schonend umzugehen.
Ein wichtiger Punkt, weil Boden in Ostholstein ein hart umkämpftes Gut ist. „Es herrscht Flächenknappheit in Ostholstein“, sagt Landschaftsarchitekt Gondesen. Die Herausforderung, für Infrastrukturmaßnahmen einen passenden Ausgleich zu finden, werde immer größer. „Wir haben viel im Küstenbereich gesucht, aber nichts gefunden.“ Man sei froh über diese Flächen.
Für die 500.000 Ökopunkte hat Femern A/S 1,61 Millionen Euro bezahlt. Zugrunde liege dem Preis eine sogenannte Vollkostenkalkulation, sagt Deinert. Ankauf, Planung, Abstimmung mit den Behörden, Umsetzung der Maßnahmen, dauerhafte Pflege und Monitoring hätten ihren Preis, verdeutlicht der Geschäftsführer der Ausgleichsagentur. Um einen Gewinn gehe es der Agentur zwar nicht. Aber: „Wir müssen die Kosten wieder reinholen.“
Femern A/S hat bei der Stiftung Naturschutz über 850.000 Ökopunkte auf sechs verschiedenen Flächen (Ökokonten) erworben, die sich insgesamt auf 116,6 Hektar summieren. Die Ausgleichsagentur ist damit der wichtigste Anbieter für das dänische Staatsunternehmen – aber längst nicht der einzige.
„Wir haben 26 Ökokonten für den Bau des Fehmarnbelttunnels erworben, die sich auf mehr als zwei Millionen Ökopunkte summieren“, sagt Sprecherin Anne Feindt. Nicht alle Ökopunkte habe man bisher einbringen müssen. „Wir haben noch eine Reserve für die Abschlussbilanzierung.“