Wohnungslosigkeit steigt in Lübeck stark an
Diakonie Nord Nord Ost meldet ein Drittel mehr Beratungsfälle – Projekt zur Verhinderung von Wohnraumverlust braucht Geld.

Friedemann Ulrich, Geschäftsbereichsleiter Soziale Hilfen der Diakonie Nord Nord Ost: „Unsere Mitarbeitenden gehen auf dem Zahnfleisch.“Foto: Diakonie Nord Nord Ost
Lübeck. Die Hilfe für Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben und irgendwo vorübergehend unterkommen, kommt in Lübeck an ihre Grenzen. Die Zahl der Hilfesuchenden ist in den Jahren 2020 bis 2025 um 32,7 Prozent gestiegen. „Unsere Mitarbeitenden gehen auf dem Zahnfleisch“, erklärte Friedemann Ulrich, Geschäftsbereichsleiter Soziale Hilfen bei der Diakonie Nord Nord Ost, jetzt vor Lübecker Sozialpolitikern.

Die Diakonie hat ein umfangreiches Hilfenetz aufgespannt. Streetworker kümmern sich unter anderem um die Obdachlosen, die auf der Straße leben. In der Mühlenstraße unterhält die Diakonie das Streetwork-Café „Mühle 77“.

Es gibt drei Beratungsstellen für Männer, Frauen und junge Erwachsene unter 25 Jahren. Mit dem Bodelschwinghhaus, dem Sophie-Kunert-Haus und der Koje stehen drei Notunterkünfte mit zusammen fast 150 Plätzen zur Verfügung.

Die Wohnraumhilfe der Diakonie mietet Wohnungen an, die den Wohnungslosen als Untermieter zur Verfügung gestellt werden. 148 Wohnungen und 40 Plätze in Wohngemeinschaften hat die Wohnraumhilfe gemietet. Dadurch konnten in den vergangenen Jahren 500 Menschen untergebracht werden. Beim in diesem Jahr gestarteten Projekt Housing First konnten bislang drei Menschen in Mietverträge vermittelt werden.

„Aber die Notunterkünfte sind voll und die Akquise weiterer Wohnungen wird immer schwieriger“, berichtete Ulrich im Sozialausschuss der Bürgerschaft. Im Sophie-Kunert-Haus musste der Gemeinschaftsraum geräumt werden, um Betten aufzustellen. Die Menschen, die im Winter in die Notunterkünfte kommen, bleiben immer länger.

Die Idee, dass wohnungslose Untermieter nach zwei Jahren zu Hauptmietern werden, funktioniert auch nur begrenzt. „Viele Klienten wollen Untermieter der Diakonie bleiben“, erklärte Friedemann Ulrich.

Große Probleme bereitet die Versorgung von psychisch kranken und pflegebedürftigen Wohnungslosen sowie von wohnungslosen Frauen, die vor häuslicher Gewalt geflohen sind.

Während die Zahl der Hilfesuchenden stark gewachsen ist, sind die finanziellen Zuwendungen durch Land und Lübeck von 2020 bis 2025 nur um 8,6 Prozent gestiegen. Die Diakonie muss deshalb immer mehr Eigenmittel in ihre Hilfsangebote stecken, stößt aber jetzt an ihre Grenzen.

Um den gestiegenen Bedarf an Beratungen abzudecken, bräuchte die Diakonie für ihre drei Anlaufstellen zwei zusätzliche Stellen, rechnet Geschäftsbereichsleiter Ulrich vor. Aktuell arbeiten dort elf Kräfte, allerdings nicht in Vollzeit.

Eine weitere Stelle bräuchte die Diakonie, um ein erfolgreiches Präventionsprojekt fortzusetzen, das bislang aus Fördergeldern finanziert wird. Unter dem Titel „Wohnungslosigkeit verhindern“ haben sich eine Fachkraft und ein Handwerkertrupp darum bemüht, Kündigungen oder Räumungen von Wohnungen abzuwenden, indem der Kontakt zu Vermieterinnen und Vermietern hergestellt wurde.

Laut Diakonie verlief das Projekt durchaus erfolgreich. 2022 habe die Vermittlung den Verlust von Wohnraum in 67 Fällen abwenden können, berichtete Ulrich den Sozialpolitikern. „Wir hatten einen Ruf bei den Wohnungseigentümern“, sagte der Geschäftsbereichsleiter. Entscheidend bei dem Projekt sei die sofortige Reaktion, wenn Vermieter und Mieter Probleme miteinander haben. Ulrich: „Die Vermittlung klappt entweder sofort oder gar nicht.“

Eine solche Stelle plus Kosten für den Handwerkertrupp erfordert Ausgaben von rund 120.000 Euro im Jahr. Die Diakonie könne diese Mittel nicht mehr aufbringen, sagte Ulrich und machte eine Gegenrechnung auf: Wenn 67 Menschen ihren Wohnraum verlieren und von der Kommune untergebracht werden müssen, koste das satte 1,4 Millionen Euro im Jahr.

Die Politikerinnen und Politiker müssten entscheiden, ob sie der Diakonie Nord Nord Ost Ressourcen für dieses Projekt zur Verfügung stellen, sagte Sozialsenatorin Pia Steinrücke (SPD). und DOR



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