„Ich bin seit 3.15 Uhr unterwegs“, sagt Christoph Benett, „allein heute habe ich schon vier Waschbären gefangen.“ Im Schnitt hat er zeitgleich immer etwa 15 Fallen in der Stadt stehen. Pro Jahr fängt er einige Hundert Tiere. „Die Überpopulation der Waschbären ist ein Riesenproblem”, betont der Lübecker.
Der drastische Anstieg, von dem der Stadtjäger berichtet, deckt sich mit offiziellen Zahlen der Stadt. Zwar gibt es in Lübeck keine Zählungen der lebenden Waschbären, doch die Jagdstatistik spricht eine eindeutige Sprache. Die sogenannte Jagdstrecke – die Zahl der getöteten oder verunglückten Tiere im Stadtgebiet – ist förmlich explodiert: Waren es im Jagdjahr 2020/21 noch 66 Tiere, stieg die Zahl zuletzt auf 449. Das ist ein Anstieg von fast 600 Prozent innerhalb von fünf Jahren.
Waschbären stammen ursprünglich aus Nordamerika und wurden als „Pelzlieferanten“ nach Europa gebracht. Die invasive Art hat keine Feinde und breitet sich ungehindert aus – auch in den Städten. Ein Problem. Denn für die Aufzucht ihrer Jungen und als Schlafplätze benötigen die nachtaktiven Tiere Rückzugsmöglichkeiten. Sie nutzen neben Baumhöhlen auch Dachböden, Balkone oder Zwischendecken. Waschbären sind extrem anpassungsfähig, sehr intelligent und gewitzt. „Wenn sie irgendwo reinwollen, dann schaffen sie das“, sagt Benett.
In der Siedlung Gärtnergasse sind sie bei einem 75-jährigen Lübecker auf das Dach geklettert und in die Dachschräge gekrochen. „Sie haben die Dämmung rausgefummelt und unter dem Dach einen zehn Meter langen und einen Meter breiten Tunnel gegraben“, berichtet der Hausbesitzer.
Zum ersten Mal gesehen hat er sie vor etwa einem Jahr. Da dachte er noch, dass sie bald wieder verschwinden würden. „Aber dann haben wir in diesem Frühjahr gehört, dass die Waschbärin in der Dachnische ihre Jungen bekommen hat. Wir haben es fiepen hören“, erinnert er sich. „Da wollten wir sie erst mal in Ruhe lassen.“
Ein Dilemma, das wohl viele Haus- und Gartenbesitzer kennen. Denn der Kleinbär mit der Banditenmaske und den Knopfaugen sieht ungemein putzig aus. Die einen empfinden ihn als niedlich und schützenswert. Die anderen möchten ihn unbedingt loswerden. Und das eine schließt das andere nicht aus.
Fest steht: Wenn der Stadtjäger das Tier fängt, muss er es töten. „Ich bin verpflichtet, die Tiere zu erschießen“, sagt Christoph Benett, „da gibt es keine Diskussion.“ Waschbären verursachen nicht nur erhebliche Schäden an Haus und Garten, als Allesfresser konkurrieren sie mit heimischen Tieren und setzen ohnehin gestresste Ökosysteme unter Druck. Sie plündern Nester von Sing- und Greifvögeln, machen aber auch Jagd auf Bodenbrüter, Reptilien und Amphibien, erklärt der Stadtjäger.
Der Mann aus der Siedlung Gärtnergasse ist inzwischen verzweifelt. „Wir müssen das Dach aufmachen und die gesamte Dämmung erneuern, sonst kommt Feuchtigkeit rein und es schimmelt“, sagt er und rechnet mit einem hohen fünfstelligen Betrag.
Benett präpariert inzwischen die Falle. In der Mitte befindet sich eine Box, in die er Weintrauben und Waschbärköder legt. Greift der Kleinbär hinein, schließen sich die Eingangsklappen. Benett hat neben der Falle eine Wildtierkamera aufgestellt, die mit seinem Handy verbunden ist. So weiß er, wann ein Tier in der Falle sitzt. Der Stadtjäger benötigt für das Aufstellen einen Fallenschein und eine Tüv-geprüfte Falle. Privatleute dürfen keine Fallen aufstellen, betont er.
Neben dem Aufstellen von Fallen sind die Beratungsgespräche ein großer Teil seiner ehrenamtlichen Arbeit. „Waschbären überwinden Zäune und Mauern mühelos, man kann sie nicht fernhalten“, sagt der Experte, „aber man sollte sie nicht auch noch anlocken.“ Mülltonnen könnten mit Spanngurten gesichert und Gelbe Säcke erst kurz vor der Abholung herausgestellt werden. Außerdem warnt Benett vor Fallobst und draußen stehendem Katzen- und Vogelfutter.
Der Anwohner aus der Siedlung Gärtnergasse ist dankbar für die Hilfe des Stadtjägers, doch auf den immensen Sanierungskosten wird er sitzen bleiben. „Unsere Versicherung zahlt nichts“, sagt er, „das ist wirklich bitter.“ Auch laut Stiftung Warentest bleiben Versicherte auf den Kosten vieler Wildtierschäden sitzen.
Ohnehin gibt es in der Hansestadt keine übergeordnete Strategie zur Eindämmung. Man reagiere auf akute Fälle durch die Fallenjagd der Stadtjäger und setze auf Aufklärung der Grundstücksbesitzer, teilt die Stadt mit. Auf die Frage, ob das ausreichend sei, erklärt sie weiter: „Wir beobachten die Waschbärenpopulation laufend und werden bei Bedarf auch die organisatorischen Maßnahmen auf den Prüfstand stellen.“ Laut Stadt müssen sich die Lübecker wohl daran gewöhnen, künftig mit Waschbären in der Stadt zu leben.