Haus Seeblick: Könnte so
die Rettung aussehen?
Erfahrener Bauingenieur sieht technische Lösungen – Sandcontainer könnten Steilufer stabilisieren.

Unterhalb von Haus Seeblick ist am Steiluferfuß inzwischen rot-weißes Flatterband gespannt worden.Foto: Michael Hollinde
Lübeck. Immer wenn Dr. Georg Heerten am Haus Seeblick am Brodtener Steilufer vorbeiradelt, hat er ein Déjà-vu-Erlebnis. „Ich muss dann 25 Jahre zurückdenken, an das Haus Kliffende in Kampen auf Sylt. Das stand auch nur noch rund fünf Meter von der Abbruchkante entfernt und drohte bei der nächsten großen Sturmflut herunterzustürzen“, sagt der promovierte Bauingenieur.

Und dann habe es die konzertierte Rettungsaktion unter seiner Leitung gegeben. Wäre solch eine Maßnahme in letzter Minute auch noch beim Haus Seeblick möglich? Diese Frage treibt den Experten, der vor mehr als zehn Jahren als Ruheständler aus Niedersachsen ins ostholsteinische Neustadt gezogen ist, sichtlich um. Gerade ist er die Metalltreppe am Wanderweg hinuntergestiegen, um alles nochmal vom Spülsaum aus in Augenschein zu nehmen.

Dort ist der Strandbereich direkt unterhalb des gefährdeten Gebäudes inzwischen mit einem rot-weißen Flatterband abgesperrt worden. Dass hier der Hang aus Geschiebemergel gerade im Winter in Bewegung ist, lässt sich gut ablesen. Da sei viel Rutsch-Dynamik drin, kommentiert Heerten. Steine und Erdklumpen liegen am Fuß des rissigen Hanges, der bei Starkwind durch Wellenschlag zusätzlich angeknabbert wird.

„In der Tat sehe ich hier im Ansatz Parallelen zum Haus Kliffende. Auf Sylt kam damals unsere sogenannte Soft Rock-Lösung zum Einsatz“, sagt Heerten. Zur Erklärung: „Soft Rocks“ sind mit Sand befüllte, langlebige Kunststoffsäcke, die mittlerweile auch aus biologisch abbaubaren Rohstoffen hergestellt werden können.

Solche Sandcontainer seien äußerst robust und ökologisch überlegen im Vergleich zu großen Steinbrocken, „Hard Rocks“ genannt, die ebenfalls zur Stabilisierung von Küstenlinien eingesetzt werden.

Beispiel Haus Kliffende: Dort wurden auf circa 60 Meter Länge „Soft Rocks“ am Strand verbaut und anschließend mit Sand bedeckt. Zusätzlich wurden Sandfangzäune aus Buschwerk aufgestellt. Es bildete sich eine kleine Vordünenkette. Mit dem Ergebnis, dass das denkmalgeschützte Gebäude auch 35 Jahre später noch immer hoch oben am Ende des Roten Kliffs thront.

Wichtiges Detail: Finanziert wurde die Rettungsaktion von der Deutschen Bank. Ihr gehörte das Anwesen von 1924, wo schon Emil Nolde und Thomas Mann zu Gast waren, bis 1998, bevor es an einen Privatmann weiterverkauft worden ist.

„Selbst wenn im Laufe der Jahre – wie auch vor Kampen mehrmals geschehen – eine Orkanflut kommt und den Sand abräumt, bleiben die Container als eine Art Panzerweste liegen und können so die weiteren Erosionen durch die anbrandenden Wellen stoppen“, berichtet der Bauingenieur, der früher auch einen Lehrauftrag an der renommierten RWTH Aachen hatte.

Und nach jedem schweren Sturm könne man dann die Sandabdeckung erneuern oder mit einer Sandvorspülung beginnen. „Hier bei uns in Ostholstein wurde unter anderem in Scharbeutz 2010 ebenfalls ein Wall aus Soft Rocks gebaut, der bei der schweren Sturmflut vom Oktober 2023 weitere Erosionen verhindert hat“, sagt Heerten.

Allerdings muss er eingestehen, dass sich die Situation hier in Brodten weitaus komplizierter darstellt. „Der große Unterschied ist, dass man am Haus Kliffende, wie auch in Scharbeutz, gut unmittelbar vor Ort arbeiten konnte, weil dort genügend Platz vorhanden war“, konstatiert er.

Der mangelnde Platz sei es also, was eine potenzielle Schutzmaßnahme am Brodtener Ufer schwierig und teuer mache. Man könne sich nur oben mit einem erheblichen Abstand zur Abbruchkante einen Arbeitsplatz einrichten, auf dem man die Textilcontainer mit Sand befülle.

„Dann braucht man noch ein Förderband mit entsprechend langer Auslage oder einen speziellen Kran, um die Sandcontainer an den Fuß des Steilufers zu transportieren und dort zu verlegen“, sagt Heerten.

Zudem müssten die Lagen Sandcontainer am Steiluferfuß so hoch gezogen werden, dass die Wellen nicht mehr ungehindert in die Böschung schlagen und den Boden entsprechend ausräumen können.

Und falls man sich dazu entschließe, empfiehlt er, die Sandcontainer von der Ufertreppe westlich vom Haus Seeblick bis zum nächsten bewachsenen Uferknick im Osten auf ganzer Länge einzubauen.

„Vielleicht könnte man die Soft Rocks aber auch alternativ mit schwimmendem Gerät auf der Seeseite im Spülverfahren füllen und einbauen. Dafür ist allerdings eine Erlaubnis zur Sandentnahme im Vorstrandbereich erforderlich“, gibt er zu bedenken.

Sein Resümee: Es gäbe technische Möglichkeiten, das Haus Seeblick noch zu retten, wenn man über die entsprechenden finanziellen Ressourcen verfüge und alle Rechtsfragen zum Naturschutz, Denkmalschutz und Küstenschutz geklärt seien. „Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht“, betont er ausdrücklich. mho

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